Förderung für Mädchen, Ritalin für Jungen

Von Tom Todd

Nicht erst mit dem gerade erschienen Ärztereport 2013 der Barmer GEK wird deutlich, wie sehr Jungen in ihrem Werdegang mittlerweile systematisch benachteiligt werden. In allen Bereichen fehlt es an männlichen Sparringpartnern, die für die Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung von Jungen unabdingbar sind: fehlende männliche Erzieher in Kindertagesstätten, Mangel an männlichen Lehrern, noch relativ wenige aktive Väter zu Hause. Mit der zusätzlichen Feminisierung der Unterrichtsinhalte in Schulen, ungleichen Bewertungsstandards für Jungen und Mädchen und der Tabuisierung von jungenspezifischen Spielformen ist ein Erziehungsstil entstanden, der noch ungeahnte Langzeitfolgen auslösen kann – verdeckt durch die neue Modediagnose ADHS.
Am 29.12.2013 kommentierte die Barmer GEK ihren Report eingangs mit den Worten: in Deutschland wachse eine „Generation ADHS“ (Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen) heran. Der Report, der auf mehr als 8 Millionen Datensätze basiert, stellt eine dramatische Steigerung der ADHS-Diagnosepraxis fest: zwischen 2006 und 2011 sind ADHS-Diagnosen unter 0-19 Jährigen um 42% gestiegen – in allen Altersgruppen sogar um 49%. Verordnungen von Methylphenidat („Ritalin“) nahmen im gleichen Zeitraum um 35% in dieser Altersgruppe zu.
Besonders auffällig ist, dass von den 620.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen 76% Jungen sind. Beispielsweise wird bei 12% der Jungen, aber nur bei 4,4% der Mädchen im Alter von 10 Jahren ADHS diagnostiziert. 20% aller Jungen des Jahrgangs 2000 sind zwischen 2006 und 2011 von einer ADHS-Diagnose betroffen; bei Mädchen waren es 7,8%.
Schon 2007 stellte Professor Glaeske fest, dass die Verordnung von Ritalin um das 100-fache in den vorangegangen 15 Jahren angestiegen sei. Angesichts dieser Warnungen und des bisherigen Echos in Medien, Politik und Wissenschaft, löst der Bericht bei dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der BARMER GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, Erstaunen aus: „denn an Ärzten und Eltern scheint diese Kritik einfach abzuperlen“.
Dr. Schlenker beschreibt diese Entwicklung als „inflationär“ und warnt davor, Ritalin als Ersatz für eine Reihe von anderen Therapieoptionen wie Elterntraining oder Verhaltenstherapie einzusetzen, deren Anwendung er fordert. Er sucht außerdem die Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten, Kindergärten, Schulen und „natürlich“ Eltern.
AGENS – als Praxispartner des Düsseldorfer Männerkongresses 2012 – kann hier schon auf Daten hinweisen, die eventuell einen noch brisanteren Zusammenhang zwischen ADHS und den psychosozialen Symptomen derjenigen Kinder erkennen lassen, die aus Trennungsfamilien stammen.
Dort wurde über die vom Bund geförderte KiGGS-Studie berichtet (17.641 Kinder und Jugendliche unter 18J). Hier wurde bei Kindern und Jugendlichen aus Trennungsfamilien festgestellt, dass sie mindestens doppelt so häufig nicht nur von Verhaltensstörungen – wie Aggressivität – sondern auch von Störungen wie Unaufmerksamkeit bzw. Hyperaktivität betroffen sind wie solche aus „klassischen“ Familien.
Auch hier zeigt sich, dass doppelte so viele Jungen wie Mädchen unter diesen Störungen leiden.

AGENS gibt zu denken:

Kann es sein, dass wir es hier mit einer massenhaften, pharmazeutisch gestützten Unterdrückung einer kranken Familienkultur zu tun haben? Laut KiGGS-Studie leiden ca. 13% (18% der Jungen, 8% der Mädchen) der bei alleinerziehenden Müttern wohnenden Minderjährigen unter Unaufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsproblemen. Angewendet auf die im Mikrozensus seit 2004 konstant genannten rund 2 Millionen Kinder alleinerziehender Mütter (15% aller Kinder unter 18), ergibt sich eine Zahl von 260.000 betroffenen Kindern – ca. 42% der von der BARMER genannten Fälle.
Auch die Zahlen der KiGGS-Studie bestätigen diese etwa verdoppelte Häufigkeit von Unaufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsproblemen bei Kindern aus Trennungsfamilien.
Auch wenn der Anstieg dieser Auffälligkeiten bei Mädchen und Jungen aus Trennungsfamilien (gegenüber Kindern aus „klassischen“ Familien) gleich groß ist, sind doppelt so viele Jungen betroffen (in allen Familienformen).
Damit scheinen die katastrophalen Dimensionen der sog. vaterlosen Gesellschaft überdeutlich zu werden. Gegen diese skandalösen Defizite unserer Politik und Rechtsprechung, wird AGENS mit Publikationen und Veranstaltungen verstärkt vorgehen.
Quellen: Mikrozensus 2010, Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/HaushalteFamilien2010300107004.pdf?__blob=publicationFile
BARMER GEK Ärztereport: https://presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Infothek/Studien-und-Reports/Arztreport/Arztreport-2013/Content-Arztreport-2013.html
Vortrag zur KiGGS-Studie: http://maennerkongress2012.de/images/ppt/mk2012_schlack.pdf

 

10 Responses to “Förderung für Mädchen, Ritalin für Jungen”

  1. Dirk Esser sagt:

    Zu dieser hoffentlich bahnbrechenden Dokumentation, möchte ich noch direkt auf eine gut 50 Seiten starke PDF-Datei als Ergänzung zum Schwerpunkt ADHS/Methylphenidat des BARMER GEK Arztreports verlinken:
    http://presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Aktuelle-Pressemitteilungen/130129-Arztreport-2013/PDF-digitale-Pressemappe,property=Data.pdf

    Ab S.15 werden dort die wichtigsten Befunde in prägnanten Schlagzeilen und Schaubildern zusammengefasst sowie ab S.39 noch 15 Infografiken geliefert, die auch als Download zur honorarfreien Verwendung zur Verfügung gestellt werden. Böte sich wohl bestens für Präsentationen etwa in Schulen an, wie die rund 90 Seiten im Arztreport selbst zum Schwerpunktthema ADHS insgesamt ein aktuelles Fakten-Eldorado für alle Interessierten bietet, wie es mir zum Thema noch nicht bekannt war.
    http://presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Aktuelle-Pressemitteilungen/130129-Arztreport-2013/PDF-Arztreport-2013,property=Data.pdf
    (Link direkt zum Report)

    Gruß, D. Esser.

  2. D. Esser sagt:

    PS: Im Anhang ab S.224 gibt es im Report auch noch allgemein interessante Statistiken in Geschlechterdifferenzierung.

  3. Anthony sagt:

    Anthony…

    Förderung für Mädchen, Ritalin für Jungen — Agens e.V….

  4. A.Wegner sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren, so wie ich das sehe, wird diese Krankheit immer noch falsch eingeschätzt und missverstanden. Betroffenen fällt es schwer, gesunden Menschen zu erklären was sie fühlen und was ihr Leid ist. Gesunde Menschen können dies nicht verstehen! Warum sind häufig sogenannte Trennungskinder von dieser Kranheit betroffen???? Weil sie vieleicht diese Krankheit von Papa geerbt haben!!!??? Bekannter Massen sind ADHS`ler nicht Beziehungsfähig! Daher kommt diese Statistik zustande. Sie wird nur falsch interpretiert! Es ist nicht so, das die Kinder krank werden weil die Eltern sich trennen! Die Eltern trennen sich, weil ein Elternteil krank ist. Und das Kind hat ADHS weil es vom kranken Elternteil vererbt wurde…das ist die Realität. Ich weiß da wovon ich rede…..

    • tomtodd sagt:

      Sehr geehrte(r) Frau/Herr Wegner,

      ich muss Ihnen widersprechen. Was Sie beschreiben lässt sich genauso gut aus soziokulturellen Einflüssen erklären (Erziehung zu Hause und in der Schule etc.).

      Unser Artikel basiert auf die Aussagen namhafter Wissenschaftler und deren Forschung.

      Sowohl der Neurobiologe Prof. Hüther (Universität Göttingen) als auch ein mit uns zusammenarbeitender Pharmakologe (Experte für Sicherheit bei Kindermedizin) haben bestätigt:

      1. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für neurobiologisch bedingte Urachen für Störungen dieser Art

      2. Es gibt keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise für die Vererbung dieser Störungen

      Professor Hüther ist folgender Meinung:

      „ADS ist Folge veränderter sozialer Erfahrungen in modernen Gesellschaften“.

      Über sog ADHS-Kinder: „Ihr Problem ist sicher nicht eine Aufmerksamkeitsstörung und auch kein gestörter Hirnstoffwechsel, sondern eine mangelnde Sozialisationserfahrung. Ihr Gehirn ist nicht falsch verkabelt oder gestört, sie nutzen es einfach anders als andere Kinder, weil sie andere Probleme haben. Und danach strukturiert es sich dann auch anders.“ (Interview in Psychologie Heute, hier: http://www.gerald-huether.de/populaer/veroeffentlichungen-von-gerald-huether/zeitschriften/psychologie-heute-interview-gerald-huether/index.php nachzulesen).

      Darüber hinaus zeigen etliche wissenschaftliche Studien, dass die mit ADHS typischerweise in Zusammenhang gebrachten Symptome eindeutig verstärkt bei Trennungskindern auffallen, so dass ca. 42% aller sog. ADHS-Gestörte aus Eineltern-Familien kommen, d.h. im Wesentlichen aus Familien alleinerziehender Mütter.

      Leider scheint es so zu sein, dass die Bevölkerung durch eine gezielte Zusammenarbeit der Pharmaindustrie und die niedergelassene Ärtzeschaft hinters Licht geführt wird.

      Mittlerweile werden fast die Hälfte aller sog. ADHS-Gestörte mit Pharmaka behandelt, obwohl ihr Problem ganz woanders liegt.

      Schauen Sie sich das Interview mit Prof. Hüther an, dort werden Alternativen aufgezeigt.

      • HRSchmidt sagt:

        Lieber tomtodd,
        vielen Dank für Ihre ADHS-Kritik! Sie bringen einige Haupteinwände am Konstrukt ADHS treffend auf den Punkt. ADHS ist das Paradebeispiel für eine willkürlich ausgedachte Krankheit. Ihre Symptome sind dermaßen unspezifisch, dass man sich immer wieder kopfschüttelnd fragt, warum so viele Zeitgenossen (vor allem diejenigen vom Fach) so von der realen Existenz dieser Pseudokrankheit überzeugt sind. Wahrscheinlich liegt es an der Schlichtheit eines angeblichen Dopaminmangels im Gehirn, und an der großen psychischen Entlastungsfunktion einer angeblichen körperlichen Krankheit dort, wo eigentlich erzieherische Verantwortung, psychische Gesundheit und Selbstkontrolle verlangt wären.
        Mit unserer Konferenz ADHS sind wir seid Jahren in diesem Sinne aufklärerisch unterwegs.

  5. Tanja B. sagt:

    Lächerlich…

  6. Michael Baleanu sagt:

    “Kann es sein, dass wir es hier mit einer massenhaften, pharmazeutisch gestützten Unterdrückung einer kranken Familienkultur zu tun haben?”

    Da muss ein Tippfehler vorliegen. Ich würde mich nämlich sehr freuen, wenn eine “kranke Familienkultur” unterdrückt wäre 😉 (auch wenn eine Tanja B. es als lächerlich empfinden würde).

  7. tomtodd sagt:

    In diesem Artikel: http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=690 können Sie nachlesen, wie die Pharmaindustrie Einfluss auf die international geltenden Diagnosekriterien (DSM und ICD) nimmt.

    Zitat:

    Daher kommt Irwin Savodnik, Professor für Psychiatrie an der University of California in Los Angeles, zu dem Schluss: «Das eigentliche Vokabular der Psychiatrie wird gegenwärtig auf allen Ebenen durch die pharmazeutische Industrie definiert.»

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