Gleichstellung der deutschen Sprache

grunerVon Paul-Hermann G r u n e r

 

 

 

P o l e m i k  – Warum der Genus nicht der Sexus ist und Gleichstellung nicht Besserstellung werden darf

Wie sorgt der politisch korrekte Mensch dafür, dass Texte oder Ansprachen länger und langweiliger werden? Er nimmt stets beide Formen zur Hand und fühlt sich extrem demokratisch dabei. So wurden uns die „Bürgerinnen und Bürger“ oder die „Wählerinnen und Wähler“ vertraut, inzwischen auch die „Kundinnen und Kunden“ oder die „Soldatinnen und Soldaten“ unverzichtbar.

Sprachpolizeilicher Aktivismus und feministische Sprachkritik haben hier einen Sieg auf einem Schlachtfeld errungen, das gar keines ist. Ein Sieg ist es dennoch. Nur kein Gewinn. Und leider auch keiner auf der Sprachlogik oder der Spracheffizienz. Und die Sprachästhetik? Wird völlig zerstrümmert.

In der deutschen Sprache gibt es ein natürliches Geschlecht (Sexus) und ein grammatisches Geschlecht (Genus). Von Frauen, die sich schon beim Sprechen unterdrückt fühlen, wird dies nicht beachtet. Vielleicht aus Unkenntnis. Von Linguistinnen, die Sprache scheinbar demokratisieren wollen, wird es ignoriert. Aus Ideologie.

Zur Klärung: Es gibt drei Genusformen (maskulin, feminin, neutrum), aber nur zwei biologische Geschlechter (bekannterweise weiblich und männlich). Klar, das bringt zusätzlich Verwirrung. Und es gibt auch noch Polyseme. Das sind gleich aussehende und gleich klingende Wörter, die aber Unterschiedliches bezeichnen. Beispiel: der Kunde (Oberbegriff, Genus), der Kunde (Sexus männlich) und die Kundin (Sexus weiblich). Wer nun behauptet, mit „Kunden“ wären ausschließlich Männer gemeint, hat Sprache nicht begriffen.

Der grammatische Oberbegriff also hat strategischen Sinn. Auch in der Schule. 99 Lehrer und eine Lehrerin sind hundert Lehrer, übrigens – hoch demokratisch – wie umgekehrt 99 Lehrerinnen und ein Lehrer. Mit Unterdrückung hat dies nichts zu tun. Ohne den Genus wären zudem manche Sachverhalte gar nicht zu formulieren, etwa: Jeder vierte Unternehmer in Dortmund ist eine Frau. Aber bevor nun sofort wieder helle Aufregung herrscht: Es gibt den Genus selbstverständlich auch in sächlich (etwa: das Opfer, das Kind) oder in weiblich (etwa: die Führungskraft, die Person, die Nervensäge). Und so ist die Geisel (Genus weiblich) also stets und immer weiblich. Sogar ein Mann ist immer eine Geisel. Was ihm selbst, der Polizei und allen anderen Sprechern die Dumm-Formel von den Geiselinnen und Geiseln erspart. Sie ist so wenig nötig wie bei den Lehrern.

Dem unschuldig angeklagten Genus irgendwie auszuweichen, lässt gemeinhin auch höhere Intelligenz scheitern und Unsinn entstehen. Die beliebt werdenden „Studierenden“ (statt: Studenten) sind eine Verlaufsform. Und eine groteske dazu. Ist der Studierende nämlich beim Essen oder beim Schlafen, ist er keiner mehr. Dann ist er Esser und Schläfer. Genauso wie der Backende oder der Schlachtende eben nicht der Bäcker oder der Schlachter sein müssen. Aber durchaus sein können.

Im Grunde wird, was Missachtung durch Sprache angeht, umgekehrt ein Schuh aus all dem. Der weibliche Plural „die Autofahrerinnen“ macht zweifellos klar, dass nur Frauen gemeint sind. Bei „die Autofahrer“ wissen Männer gar nicht, ob sie mitgemeint sind. Und das gilt für „Fußgänger“ genauso. Deren weibliche Form ist, wie allermeist, exklusiv reserviert. Das gibt es für Männer nicht. Heißt: Männer werden in der Sprache unterdrückt. Sie kriegen nicht mal einen eigenen Plural. Und „die Ingenieure“, falls es nur Männer sind im Beispielfalle, kriegen obendrein auch noch den weiblichen Artikel verpasst. Konsequenz: Deutsche Männer müssen bitterlich klagen und schleunigst den europäischen Menschenrechtsgerichtshof anrufen.

Also: Die Unterstellung, Frauen würden ja immer nur mitgemeint, aber nie bezeichnet, läuft gegen die Wand und holt sich blutige Nasenflügel. Vielmehr suchen feministische Sprach- und Sprechanweisungen nicht Gleich-, sondern Besserstellung. Und dies institutionalisiert und auf der Basis der Etablierung eines Status, der unangreifbar macht: dem des Opfers. Deshalb fällt in der Regel auch niemandem eine solche Besserstellung auf. Zum Beispiel im Parkhaus: Alle Parkplätze in einem Parkhaus sind selbstverständlich für weibliche und männliche Autofahrer zu haben, für beide Geschlechter respektive für deren Fahrzeuge. Obendrein gibt es für die eine Gruppe aber noch die schönsten, hellsten, saubersten und bestgelegensten dazu: die Frauenparkplätze.

 

2 Responses to “Gleichstellung der deutschen Sprache”

  1. Steinmeyer sagt:

    Dazu habe ich kürzlich einen wunderbaren Artikel des Vereins der Sprachfreunde gelesen,der sich aus sprachkultureller Sicht damit auseinander setzt und ..werde ihn nach Absprache mit diesem Verein hier auszugsweise veröffentlichen

  2. jodast sagt:

    Sehr gute Polemik von Paul-Hermann Gruner!

    Man könnte diese Thematik aber noch weiter auf den Punkt bringen:
    Der ganze Unsinn ist doch überhaupt erst dadurch enstanden, dass man dem generischen Maskulinum das “in” aufgezwungen hat und damit eine Drift weg vom geschlechtsneutralen Verständnis induziert hat. Beim generischen Neutrum oder Fenininum ist Vergleichbares nicht passiert. Deswegen kommt auch kein Mann auf die Idee, dass er etwa bei “die Geisel” nur mitgemeint wäre. Auch bei Wörtern des generischen Maskulinums, die noch nicht einer sexistischen Spaltung unterzogen wurden, hat niemand ein Problem mit dem Verständnis. So gibt es bei “Mensch” NOCH keine “Menschin” und daher fühlen sich hier Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen.
    Würden die Sprachfeministen logisch konsistent argumentieren, müssten sie die geschlechtsneutrale Funktion auch beim generischen Femininum und Neutrum abschaffen. “Männlich” müsste “eine Geisel” dann etwa “ein Geiseler” heißen. Aus “das Genie” würde “der Genier” (männlich) / “die Genierin” (weiblich). Veranstaltet wird derartiger Unsinn aber nur beim generischen Maskulinum. Damit ist auch klar, dass es hier überhaupt nicht um “Geschlechtergerechtigkeit” geht, sondern lediglich um eine Zurückdrängung des Männlichen, wobei noch nicht einmal verstanden wurde, dass das Maskulinum in der Sprache überhaupt nichts mit dem “Männlichen” zu tun hat.

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