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Ein wahrhaft feministisches Manifest: Prostitution als Frauenbefreiung

von Prof. Dr. Gerhard Amendt

Die Neuauflage der Prostitutionsdebatte passt nicht nur in den grassierenden Trend, Sexualität als etwas Gefährliches und hoch Riskantes zu beschreiben, von der die Finger zu lassen nur vorteilhaft sein könne. Auch die Prostitutionsdebatte soll diese Angst schüren, damit den Menschen die Lust am Lustvollen vergeht. Obwohl im gleichen Atemzug alle Formen sexueller Praxis dargestellt, beworben und aggressiv vermarket werden. Es wird immer deutlicher, dass an die Stelle der moralischen Abwertung der Sexualität durch die Kirchen in der Vergangenheit heute Angstkampagnen über gewalttätige Sexualität Vergleichbares bewirken sollen.

Erotik: Kapital der Frauen

Umso mehr fällt der Vorschlag der englischen Feministin, Catherine Hakim, aus dem Rahmen, der Erotik zu einer neuen Form des Kapitals – neben Geld und Manpower – erklärt, das alle Frauen grenzenlos glücklich machen kann. Die meisten Rezensenten ihres Buches Erotic Capital ließen sich davon betören, dass weibliche Erotik als Quelle von Wohlstand zaubergleich sich zukünftig entfalten werde. Dabei entging ihnen, welchen Weg die Verfasserin empfiehlt, um die schlummernden Schätze der Frauen zu heben. Er steht nämlich in unversöhnlichem Widerspruch zum Anti-Prostitutionsgeschrei dieser Tage. Hakims Weg ist auch viel leichter zu beschreiten, als jener über Frauenquoten, der nur einer Minderheit von Frauen Goldene Röcke beschert. Sie glaubt stattdessen einen Königsweg zu Reichtum, Freiheit und Aufstieg für alle Frauen ohne Ausnahme gefunden zu haben – no women left behind. Das greifbare Glück bestünde darin, sich zu „prostituieren“. Das ließe alle Frauenwünsche in Erfüllung gehen. Da sie von der feministischen Leidenschaft angewidert ist, Frauen als opferverliebte Wesen einer ominösen Männerweltherrschaft wahrzunehmen, stimmt Hakim in der Tradition der Frauenbewegung das hohe Lied des emanzipativen Aktivität neuerlich an. Das Ungewohnte bestünde lediglich darin, dass Aktivität Prostitution sei, eben „alle Frauen auf den Strich“! Ihre feministischen Schwestern kritisieren sie nicht, weil sie Prostitution als Weg zur Freiheit preist. Angegriffen wird sie, weil sie den Opferstatus von Frauen in Abrede stellt und ihnen eine persönliche Perspektive weist, ihre Interessen durchzusetzen. Deshalb wurde sie zur Persona-non-grata in opferfeministischen Kreisen erklärt. Es ist die Opferverliebt und der Ruf nach dem bevormundenden Staat, der – wie bei der Quote – Frauen an die Hand nimmt, gegen den Hakim sich wendet. Im feministischen Diskurs wird offenbar strenger abgestraft, wer sich gegen den eingebildeten Opferstatus stellt, als die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers für kommerziellen Sex propagiert. Vom Schlachtruf der Frauenbewegung: Mein Bauch gehört mir! bleibt da nichts übrig.

Erotik: biologische Tastsache

Wie aber kommt Catherine Hakim dazu, dass Frauen aus ihrem erotische Kapital aus Schönheit und Attraktivität zu Reichtum und Ansehen kommen können? Verfügen Männer nicht ebenso über dieses Kapital? Ja, sagt sie, aber es kommt darauf an, wer mehr davon hat, und was man damit macht. Sie verweist auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Anhand vieler Untersuchungen über männliches wie weibliches Sexualverhalten in allen Erdteilen weist sie nach, dass Frauen sexuell weit seltener und weniger phantasievoll als Männer „Sex“ begehren. Ihre Beweise aus der Forschung sind nicht von der Hand zu weisen. Sie liegen im Bereich der umgangssprachlichen Formulierung, dass Männer Immer nur das eine wollen. Frauen hingegen etwas ungeklärt „Anderes“. Und je älter Frauen werden, etwa ab 20 Jahren, umso schneller ließe ihr sexuelles Begehren nach. Dabei lässt Hakim sich auch nicht von Simone de Beauvoir und den Epigonen im Dekonstruktivismus irritieren, wonach Weiblichkeit „gemacht“ sei und Unterschiede im sexuellen Begehren eine „patriarchalische Beschädigung“ aller Frauen sein könnte. Sie erklärt die Differenz im sexuell-erotischen Begehren vielmehr für etwas Naturgegebenes und eine „biologische Tatsache“. Das bildet für sie den makroökonomische Grundstein, aus dem sie das nie versiegende erotische Kapital der Frauen herleitet. Weil Frauen immer seltener als Männer begehren, die bis ins hohe Alter stetig Sex forderten, kann jede Frau daraus Kapital schlagen. Es ist demnach die geringe Häufigkeit im Begehren der Frauen, die sich als unerschöpfliche Goldmine entpuppt. Und weil Frauen weniger begehren, sollen sie dem Begehren der Männer „entgegenkommen“, sich eben nicht verweigern, sondern sich „breitschlagen lassen“. Sie sollen den Sex ohne Lust über sich ergehen lassen. Das sollen sie aber nicht sprachlos tun, sondern, nach Catherine Hakim, um daraus jede Menge „Kapital zu schlagen. Jede Bereitschaft trotz Lustlosigkeit sollen sie sich stets honorieren lassen.

Frau, die Verkäuferin – Mann, der Käufer 

Nun kann man dagegen einwenden, dass das so neu nicht sei. Habe nicht solches Kalkül so manche Ehe und Partnerschaften gestiftet und verberge sich letzlich dahinter nichts anderes als die Tatsache, dass Männer gesellschaftlich nach Unten und Frauen nach Oben heiraten? Selbst höchst erfolgreiche Frauen heiraten nicht nach Unten, sondern weiterhin nach Oben. Oder, wenn das nicht möglich ist, verzichten viele auf eine dauerhafte Partnerschaft. Aber hier gibt es einen riesengroßen Unterschied zu Hakims marktökonomischen Projekt. Das herkömmliche Heiratsmuster ist in emotionale Dynamiken der gegenseitigen Anerkennung und wechselseitigen Erwartungen eingebettet. Das macht das Oben und Unten zu einem einverständlich Geschlechterarrangement, das emotional, erotisch und sexuell trotzdem als befriedigend und reizvoll von beiden erlebt wird. Bei Hakim wird das durch reines Marktkalkül ersetzt, das den Mann zum Käufer des erotischen Kapitals einer Frau und sie zur Verkäuferin desselben macht. Beide tauschen, der Mann Geld gegen Sex, die Frau Sex gegen Geld. Was zu welchem Preis getauscht wird, allein das ist ausschlaggebend. Frauen sollen Männer instrumentalisieren, damit sexueller Verkehr sich in Geld und andere Vorteile verwandelt. Das schließt wie in der Prostitution emotionale Beziehungen aus. Wenn man von Pretty Woman einmal absieht, wo die studentische Prostituierte sich in den Freier verliebte und beide glücklich wurden…….

“Verhurung” der Geschlechterarrangements

Dabei behauptet Hakim, dass Erotikkapitalsierung hohen Gerechtigkeitserwartungen entspricht. Gegen den zu erwartenden Einwand, dass das eh nur für reiche Männer und besonders schöne Frauen zuträfe, macht sie das Gegenteil geltend. Maßgeblich in ihrem „wahrhaft feministischen Manifest“ sei, dass alle Männer, also auch in den unteren Schichten, mehr, häufiger und variantenreicher als alle Frauen Sex begehrten. Deshalb verfüge auch die Verkäuferin uneingeschränkt über den Marktvorteil der weniger begehrenden Frauen über die stets begehrenden Männer. Der Ertrag aus ihrem erotischen Kapital ihres Körpers, ist zwar wie alles im Leben jeder Frau zuerst einmal an die Möglichkeiten ihrer Klassenherkunft gebunden. Ihrem Klassenschicksal könne sie aber entfliehen, wenn sie besonders schön und besonders erotisch sei. Dann kann sie den Zutritt zu ihrem Körper mitunter in den Aufstieg in eine höhere Klassen verwandeln. Im Übrigen meint Hakim, könnten Frauen aus den unteren Schichten in einer Nacht durch verkauften Sex mehr verdienen, als in einer Woche an der Kasse eines Warenhauses. Das „wahrhaft feministische Manifest“ stellt sich somit als Versuch dar, im Namen von Frauenemanzipation und Gleichberechtigung die kollektive „Verhurung“ der Geschlechterarrangements voranzutreiben. Was der einen ein deutscher Skandal ist der anderen die internationale Befreiung aller Frauen. Das entspricht einer wörtlich zu nehmenden Vorstellung von Menschen-Handel, zwischen allen Männern und Frauen, der konsensuell durchgeführt zu einem System der Frauenförderung sich entwickeln soll. An deren Ende stünde dann „Gleichstellung“ nach allen denkbaren Parametern!

Zweierlei Menschenhandel

So bewegt sich die augenblickliche Debatte über Frauenförderung und Frauenschutz in einem eigentümlichen Dilemma. Zwei Arten des „Menschhandels“, beide aus feministischer Sicht vorgetragen, streiten darum, was für Frauen förderlich sei. Vor allem geht es um den Weg zur Frauenförderung. Einmal Prostitution als Frauenhandel, der sie schlimmstenfalls mit Gewalt in die Prostitution drängt. Auf der anderen Seite haben wir das Menschen-Handelsprojekt à la Hakim, in dem Männer und Frauen einverständliche Honorierungen aushandeln sollen, damit der Mann seinen Sex und die Frau ihr Kapital erhält. Das soll für alle Verhältnisse gelten. In Wirklichkeit handelt es sich aber um sexualisierte Arrangements, in denen die Erotik nicht mehr gedeihen kann. Dann nicht, wenn zwischen Beziehungspartnern, Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen, Lehrern und Schülerinnen, Ministern und Sekretärinnen, eben für alle hierarchischen Verhältnisse, das Begehrte wie Aufstieg, gute Noten, Gehaltserhöhung, Anerkennung etc. nicht mehr nur durch Befähigung sondern allein oder teilweise über sexuelle Leistungen erreichbar werden soll. Auf diese Weise würde das Leistungsprinzip sexualisiert. Genau das würde geschehen, wenn man sich dem Hakimschen Feminismusmodell anschließt. „Sexualsierung der Beziehungen“, die bis zum heutigen Tag „den Männern“ unterstellt wird, wird hier als Emanzipationspolitik für alle Frauen von einer Feministin ausgegeben. So gänzlich ohne emotionale Zuneigung und gegenseitige Anerkennung kann das Hakimsche Modell allerdings nicht funktionieren. Es wäre das Ende von Liebesbeziehungen und Erotik. Es entspräche der Prostitution, die der eine zu sexuellen und der andere zu monetären Zwecken benutzt. Dabei gibt Hakim als Befreiung aus, was dieser Tage abermals als gewaltsame Herrschaft von Männer über Frauen angeprangert wird und illegalisiert werden sollte. Nämlich den Körper der Frauen durch einen herzlosen Tauschakt zu beherrschen. Wenn hingegen Frauen das als geschickte Verwertung ihres erotischen Kapitals tun, dann sei das Emanzipation. Wenn Männer es tun, dann sei es Gewalt, Patriarchat, Dominanz oder Ähnliches. So gesehen ist Frauenförderung durch Quoten etwas ganz Ähnliches. An die Stelle von Qualifikationen sollen biologische Elemente zum Aufstieg qualifizieren. Die Quote zählt zum Stall der Hakimschen Befreiungstheorie.

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