Größere Aufmerksamkeit für weibliche Opfer

von Prof. Dr. Gerhard Amendt

Bevor man sich erstaunt über das Schweigen der Männer gibt, sollte man sich zuerst einmal Gedanken über die Selbstverständlichkeit machen, mit der der

Tod der Männer als Selbstverständlichkeit hingenommen und totgeschwiegen wird. Wohingegen das Unbehagen von Frauen im Kleinen wie im Großen – wie bei kriegsbedingten Vergewaltigungen – zum Gesellschaftsskandal aufgerüstet wird. Wobei immer die Frage auftaucht, ob sich hinter diesen Aufbauschungen nicht auch Formen der Opferverliebtheit verbirgt, auf die hinzuweisen, von vielen recht übel genommen wird. Denn letztlich kommt das einer Umschreibung für Masochistisches gleich!

Solange man diese in der Alltagskultur etablierten Selbstverständlichkeiten nicht sieht, solange wird man nicht begreifen können, warum es so vielen, wenn nicht sogar  den meisten Männer so schwer fällt, eigene Interessen zu verfolgen, und warum es Frauen nicht minder schwerfällt, Männern eigene Interessen ganz selbstverständlich zu lassen, wozu die Frauen der Opferverliebtheit die Gefolgschaft aufkündigen müssten wie den Ideologien, die dazu aufrufen.

So könnte man schon mutmaßen, dass die Opferverliebtheit vieler Frauen und das Schweigen der Männer eine dialektische Einheit bilden, die man erste einmal verstehen muss, um Bewegung in die Sache zu bringen. Das macht auch verständlich, warum vor allem masochistisch argumentierende Frauen in die Täteropfermär inständig verklebt sind und wie andere fundamentalistisch in ihre Religion. 

Weil die Opferverliebtheit mit gesellschaftlicher Hilfsbereitschaft innigstlich verknüpft ist, ist  leicht nachzuvollziehen, dass Traumatisierung durch Kriegshandlungen erst dann so richtig zum Problem wurden, als Frauen davon in Kuwait und Irak oder Afghanistan betroffen waren. Männer galten hingegen bis dahin erst einmal als Simulanten – wie bei Sigmund Freud oder als Drückberger – während Frauen umstandslos als Opfer gesehen werden. Während meiner Kindheit redeten viele Kriegsheimkehrer bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft vom Krieg und ihren Erlebnissen an der Front. Das reicht schon aus, ihnen zu unterstellen, dass sie den Krieg verherrlichen würden. Dabei haben sie lediglich ihr Trauma durch Besprechen zu kontrollieren versucht. Eine Methode, die heute zur ersten Hilfe für Traumatisierte zählt. Reden sie darüber, sprechen sie mit anderen darüber, fressen sie nichts von dem Erlebten in sich hinein, sonst wird es als feindlicher Fremdkörper sie von innen heraus aufzehren.

Und so kam es dann, dass Jahrzehnte nach dem nationalsozialistischen Weltkrieg der Tod der Männer zwar als eine bedauernswerte Konsequenz gesehen wurde, weil die Frauen dann alleine und Witwe waren. Und noch hier wird das Bedauern für die Männer aus den Konsequenzen für die Witwen hergeleitete. Und so kommt es, dass dann als eigentliches Problem des Krieges die Vergewaltigungen der Frauen auftauchen können und die Verletzungen und Erniedrigungen der weiblichen Integrität schwergewichtiger als der Tod der Männer erinnert werden. Das war schlimmer als der Tod, können nur die sagen, die sich über die Toten nachträglich lustig machen. Das sind Missverhältnisse, die Macht und Ohnmacht der internalisierten Geschlechterverhältnisses spiegeln. Männer halten das mehrheitlich bislang noch für so selbstverständlich wie die meisten Frauen ebenfalls – sofern sie sich  Mann und Frau – dazu überhaupt äußern. Und so werden die Trümmerfrauen zu den wahren Helden des Krieges, weil sie vorübergehend taten, was für Männer selbstverständlich und risikoreich schon immer war. 

 

Prof. Dr. Gerhard Amendt, letzte Veröffentlichungen: Handbuch Familiäre Gewalt im Fokus und Von Höllenhunden und Himmelswesen. Mehr unter: www.Ikaruverlag.com

Bildquelle: FAZ.net

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