Corona Familien: Von der Alltagsroutine in den Neustart

Autor: Eckhard Kuhla

Die einzigen Opfer von Corona sind die Frauen“, „Zunahme der häuslichen Gewalt“, „Eltern an der Belastungsgrenze“, solche und ähnliche Titel kennzeichnen den Trend vieler Medienbeiträge zum Thema „Familie in Zeiten von Corona“. Sie sind  ein Abbild  des Zeitgeistes, der ohn‘ Unterlaß die klassischen Familienwerte hinterfragt.
Dann kam Corona und damit die Bewährungsprobe für Familienwerte: 

Alles begann mit der Verkündung des Lockdowns durch die Bundesregierung Ende März dieses Jahres. Eine Folge war: Die Bildungseinrichtungen inklusive Kitas gingen in den Schlafmodus. die Kinder mußten zu Hause bleiben. Dazu kamen Vater und Mutter, die von ihren Arbeitgebern entlassen wurden. Somit war die „klassische Familie“ mit der Triade Vater, Mutter und Kind komplett, und alle Beteiligten konnten das erste Mal „Familie leben“.
Alle Beteiligten passten sich mit ihrer jeweiligen Rolle den täglichen Gegebenheiten an. Ihnen blieb nichts Anderes über, denn Aufgaben, die in Zeiten vor Corona von Kitas, Dienstleistern oder Großeltern übernommen wurden, mußten neu verteilt werden. Lt. jüngster Bertelsmann – Studie haben dabei Frauen fast 70% obiger Aufgaben übernommen.

Familie sichert Stabilität
Gerade in Krisensituation hat die Institution Familie ihre Stärken und Kompetenz bewiesen. Wenn staatliche Fürsorge ausfällt, so wie in der Coronazeit, tritt die Familie lautlos und verlässlich auf den Plan: Als autarke Gruppe handelt sie gleichsam aus sich selbst heraus, die Familienmitglieder sind füreinander verantwortlich, sie kümmern sich, sie pflegen, sie sind einfach da wie ein  24/7 Service-Abo.  Ein plakatives Beispiel für „Selbstorganisation“.

Sehr aufschlussreich, was jüngst dazu das Frauenministerium feststellt: Es gälte, „die partnerschaftliche Vereinbarung von Familien und Beruf zu fördern, weil Mütter wie Väter so Familie gemeinsam in Krisenzeiten schultern und Krisenzeiten gut bewältigen können“. Die Vereinbarung von Familien braucht nicht gefördert zu werden, die Coronafamilien leben sie.
Eine solche Gruppe, entwickelt auch eine höhere Offenheit, die eher Gefühle wie Empathie, Mitleid, aber auch vermutlich verloren gegangenen Instinkte wie der Väterlichkeit und der Mütterlichkeit wieder freiwerden läßt. Das Buch „Das Muttertier“ (Birgit Kelle) zeigt sehr eindringlich die Kraftpotentiale des Mutterinstinktes, nämlich nur für die Kinder da zu sein, die Familie zusammen zu halten und gegen äußere Einflüsse stark zu machen.

Entschleunigung durch Homeschooling
Dank Corona gelangte ein schon fast totgesagtes Thema wieder in das öffentliche Bewußtsein: das Homeschooling. Mit den Eltern starteten die Schulen  eine sehr effiziente Kooperation für das Homeschooling:  Nach Anweisungen durch die Lehrkräfte wurden Familien quasi zu Außenstellen des Digitalunterrichts deklariert. So wurde die in Deutschland bestehende Schulpflicht gleichsam auf kaltem Wege mit unbestimmter  Dauer ausgehebelt.
Allerdings ermöglicht es der Schule auch über den Digitalunterricht, die Schüler ideologisch zu indoktrinieren. Deswegen wäre eine weitere Belebung der Debatte zum Homeschooling  aus Sicht der Eltern durchaus wünschenswert.Wäre es nicht überhaupt an der Zeit, über die Auflösung dr Schul und Präsenzpflicht generell nach zu denken?

Der Elternverein NRW hat speziell zum Thema Homeschooling und Corona ausführlich die Eltern befragt, siehe www.elternverein-nrw.de. Zusammengefasst ergab sich Folgendes: „Die Homeschooling-Zeit hat sich als eine entschleunigende Zeit gezeigt,…….. es war gut, viel mehr Zeit füreinander zu haben, und …… zusammen zu lernen. …….. Deutlich verbessert hätten sich nicht nur die schulischen Leistungen, sondern auch „der Zusammenhalt in der Familie, unter den Schülern und sogar bei den Eltern untereinander“. Auch „die Grenzen der Vollzeit-Berufstätigkeit sind durch diese Zeit erkennbar geworden (sic!). Eine sehr große Zahl der Eltern plädiert für die grundsätzliche Zulassung von Homeschooling.
Etwas weniger als ein Drittel der Eltern hätten, so die Umfrage, „keine positiven Erfahrungen in dieser Zeit gehabt. Als störend wurde empfunden, dass innerhalb einer Stadt jede Schule komplett anders agiert, was chaotisch wirkt“. Mehrere Eltern schrieben rückblickend, dass ihre Kinder die Schule und den geregelten Alltag sehr vermissen und dass sie extrem überfordert sind mit allen Aufgaben, mit denen sie jetzt konfrontiert sind.

Win/Win Situation durch Homeoffice
Und noch ein politisches Thema gewann wieder an Aktualität: Das Homeoffice. Die Arbeitgeber haben es einfach – coronabedingt – eingeführt, sie gründeten sozusagen „Niederlassungen“ ihrer Firmen in den Familien. Experten schätzen für das Homeoffice transferierbarer Arbeitsplätze auf derzeit auf rund 60%. Für den Arbeitnehmer ergibt sich der Vorteil einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung mit gleichzeitiger Präsenz in seiner Familie.
Für die Arbeitsabläufe des Homeoffice ist allerdings die Betreuung der Kleinkinder recht problematisch, sie kann ein konzentriertes Arbeiten im Homeoffice behindern, besonders dann, wenn eingeschränkte Wohnverhältnisse  vorliegen.

Inwieweit das Modell auch für die Wirtschaft eine langfristige Lösung darstellt, bleibt ab zu warten. Es ist  zu begrüßen, dass das Thema mit der steuerlichen Einordnung weiterbehandelt wird. 

Qualitytime
Das nervige, tägliche Zeitmanagement der Eltern  (besonders der Doppelverdiener) mutet manchmal an wie das morgendliche Briefing in einem Unternehmen, und das  zuweilen auch in Gegenwart der Kinder: Die Planung der Zubringerfahrten für die Kinder (Schule, Kindergarten, Ballet et cetera), und die Einkaufsplanung bzw. Wahrnehmung sonstiger familiärer Besorgungen müssen aufeinander ohne viel Leerläufe auf die unterschiedlichen Bedürfnisse abgestimmt werden,

Der Wegfall obiger getakteter Zeitbereiche bringt erheblichen Zeitgewinn für die Familie, mit  anderen Worten:  mehr Zeit für eine flexible(!) Freizeitplanung mit den Kindern („Qualitytime“): Sei es  zum Beispiel für gemeinsame Spiele am Küchentisch, oder der Vater geht mit dem Sohn zum Fußball, Mutter mit der Tochter Shoppen oder zum Sandkasten. Und einmal wöchentlich hat Pappi einen ganzen Tag Babytag. So steht endlich auch mal das „Kindesglück“ im Mittelpunkt der Familie.
Familien haben jetzt die Chance, die in der Öffentlichkeit viel diskutierte Work Life Balance tatsächlich vor Ort, sprich in der Familie aus zu handeln. Die neuen Elemente  Homeschooling und Homeworking böten auch die Gelegenheit, neue Ansätze zum Familienleben (und zur Familienpolitik?) zu leben. Mit der Anwesenheit fast aller Familienmitglieder zu Hause bekommt obige Work Life Balance und einer von Fall-zu-Fall-Arbeitsaufteilung einen praktikablen Stellenwert.
Es wäre an der Zeit, die Diskussion über eine neue Aufteilung der Arbeit in Büro und Zuhause zu beginnen und die Begriffe „Betreuungseinrichtung“, Wiedereinstieg und Frauen in Vollzeit neu zu denken, besonders vor dem Hintergrund der durch Corona verringerten Erwerbsmöglichkeiten für Vater und Mutter. 

Konditioniertes Verhalten
Erzwungenes Verhalten hat häufig ein unbewußtes,“konditioniertes“ Verhalten zur Folge. Das gilt beispielsweise für ein vom Mainstream in der Öffentlichkeit mit Mantras kontrolliertem Verhalten, wie beispielsweise „immer mehr Frauen wollen in Vollzeit arbeiten gehen“, oder: „immer mehr Männer wollen Familie- und Hausarbeiten übernehmen“.
In Zeiten von Corona diktiert das alltägliche, familiäre Miteinander das Verhalten der Eltern und ersetzt so eingeübtes Mainstream-Verhalten. Gefordert ist jetzt: Flexibles Umstellen vom eingeübten Routinen auf tägliche häusliche und familiäre Anforderungen. Erschwert wird das Umstellen durch den Wegfall der staatlichen Kinderbetreuung, es kann die Eltern an ihre Belastungsgrenze bringen. Es gibt Berichte von Frauen, in denen sie sich darüber beklagen, eingeübtes Alltagsverhalten  kaum entfliehen zu können. Wirklich erstaunlich dabei ist, wie immanent der Genderismus mit seiner Kritik der Weiblichkeit und Männlichkeit die Neujustierung der Vater/Mutter-Rollen immer noch beeinflussen kann.

Frauenlobby: Alles auf Anfang? 
Rückkehr zur Häuslichkeit mit der Urfamilie? Hier setzt die Frauenlobby an: „Re-Traditionalismus!“ schallt es plötzlich aus ihren Hochburgen. So beispielsweise aus dem Wissenschaftszentrum in Berlin. Jutta Allmendinger, Chefin des WZB, bekannteste feministische Professorin, warnt vor einer Rückkehr zur alten Rollenverteilung von Mann und Frau.Wie bitte? Ist es die Angst vor einem Rückschlag nach Jahrzehnten feministischer Lobbyarbeit? 
Auch hier möge wieder ein Zitat aus obiger PM den Erkenntnishorizonts  des Frauenministeriums beleuchten: Es gälte, „Betreuungsinfrastrukturen auszubauen, diese weniger anfällig für vergleichbare Krisen zu machen, weil eine gute Betreuungsinfrastruktur das Rückgrat für das Funktionieren  von Familien, der Wirtschaft und einer guten Förderung von Kindern ist.“ 
Da könnte man sich doch zurücklehnen, ob solcher Wirklichkeitsferne. Nein, der Schein trügt. Unter der Oberfläche schlummert im Bundestag immer noch der Gesetzesentwurf  „Kinder  in das Grundgesetz„. Wenn die Widerstände nicht größer werden, könnten die Jugendämter mit dem verabschiedeten Gesetz direkt auf die Kinder Einfluss nehmen, und so die Elternrechte aushebeln. Das würde mittelfristig die Familien langsam entmachten.

Rückkehr zur Häuslichkeit
Noch leben wir in Coronazeiten und niemand weiß, wie sich die Gesellschaftlich weiter entwickeln wird. Aber es bleibt zu hoffen, dass die Familie mittelfristig zur Häuslichkeit mit Gewinn an Zeit für ein längst vergessenes Miteinander zurückkehrt. Anreize gäbe es genug: die Freiheit von bisherigen Abhängigkeiten, wie politischer Korrektheit oder sozialem Druck, und die dadurch gewonnene Eigenzeit. Die Weichen in Richtung „Neustart“ der Familie wären gestellt.

Alles Theorie? Allein die Leistung vieler Familien, sich  (zwangsweise)  auf die Hygiene-Massnahmen ein zu stellen, und das ohne „Soforthilfe“ des Familienministeriums, sollte uns Hoffnung geben. Gut, es gibt jetzt immer noch, nach Monaten Umstellungsprobleme und Unzufriedenheit in den Corona-Familien. Aber nach weiteren Monaten wird die Realität einziehen und die allseits verbreitete larmoyante  Kritik über die jetzige Situation der Familien  allmählich versiegen. Auch das gehört zu dem derzeit bundesweiten Experiment : Zusammenleben in der Arbeits- und Beziehungsgemeinschaft „Familie“ in Zeiten von Corona.

Dieser Artikel ist auch bei TheEurpean erschienen:

https://www.theeuropean.de/eckhard-kuhla/corona-familien-von-der-alltagsroutine-in-den-neustart/