Kinder, ein „öffentliches Gut… wie die Straßenbeleuchtung“

Von Eckhard Kuhla

Obiges Zitat ist in dem  Bericht der Bundesregierung, Seite 39 /1/   zum 14. Kinder- und Jugendberichtes /2/ zu finden.  Zum Thema „Öffentliches Gut“ führt der Regierungsbericht weiter aus: „Kinder werden unter dem Aspekt ihrer zu erwartenden künftigen Arbeitsmarktteilnahme und ihrer erwarteten künftigen Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen betrachtet“. Kinder als verfügbares Objekt für die Bundesregierung –  so eindeutig war es bisher kaum  aus dem „Familien“- Ministerium  zu hören.  Das Kabinett hatte am 30.1.2013 obigen Kinder- und Jugendbericht verabschiedet, Er wird alle 10 Jahre durch, von der Bundesregierung berufenen, Experten erstellt.

Kinder als  Objekt der „öffentlichen Verantwortung“

Nach dem Kabinettsbeschluß  erklärte die Familienministerin  in ihrer Rede vor dem Bundestag:  „In den letzten Jahren haben wir eindeutig eine Zunahme der öffentlichen Verantwortung festzustellen, ohne – so die These des Berichts  – dass deswegen die familiäre Verantwortung zurückgehen würde. Die beiden Bereiche sind also nicht wie kommunizierende Röhren zu verstehen, sondern oft befähigt erst die öffentliche Verantwortung die Eltern, der familiären Verantwortung nachkommen zu können.                                                                                                                                                                                                                                                                               Die Zunahme der öffentlichen Verantwortung“  wird offenbar als ein Synonym  für die zunehmende Verfügungsgewalt des Staates auf das Objekt „Kind“ verstanden.  In dem oben zitierten Bericht heißt es weiter zum Thema Familie:  “ …die Familie bleibt das mit Abstand einflussreichste „Soziotop“ für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. In der privat-familialen Lebenswelt erfolgen nach wie vor die wichtigsten Entwicklungen, die das Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen betreffen.“  Welch  unerwartetes Zugeständnis im Beamtendeutsch, was allerdings im Folgetext verschwurbelnd relativiert wird:

Verlust der Kindheit

„Insbesondere mit Blick auf die öffentliche Verantwortungsübernahme lässt sich festhalten, dass Kindheit inzwischen eben mehr ist, als das Aufwachsen in den Binnenlogiken der Familie: Kindheit und Jugend spielen sich in einem System verschränkter Verantwortlichkeiten ab, das von mehreren Akteuren – öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten – beeinflusst wird“.

Mit einem unerträglichen Verordnungsdeutsch  wird hier der  Verlust der Kindheit in einer kaum nachvollziehbaren Gefühlskälte nicht weiter thematisiert, ja hingenommen. Verantwortlich dafür sei ein anonymes(!)  „System verschränkter Verantwortlichkeiten“. Auf diese Art und Weise nimmt sich das „Familien“ – Ministerium aus der Schußlinie und es kann fortfahren mit seiner   Übernahme der Verantwortung für die  Familie  genau so ex cathedra und undemokratisch wie in totalitären Systemen –  sei es in  Nazi-Deutschland oder der DDR. Typisch für eine totalitäre Sprache ist weiterhin die mehrdeutige Begriffswahl, hier sind es die „Akteure“……. Da hätten wir denn doch gerne Genaueres gewusst. Aber das Konkrete ist nicht gewollt, eher das Undefinierbare, das Unfassbare. Es ist anzunehmen, dass mit „Akteuren“  die Institutionen (Verbände, Medien?) gemeint ist, die sich unerkannt von der Öffentlichkeit mit dem „Familien“ – Ministerium haben gleichschalten lassen.

Die treibende Kraft: der  „Zeitgeist“……

Wie zu erwarten, kommt irgendwann mal der „Zeitgeist“ ins Spiel – wieder so ein anonymes, neutrales Etwas. Er muß dafür herhalten, wenn  verordnete Meinungen einer Staatsideolgie zu „Trends“ umdefiniert werden. Handelnde Personen sind dann nicht im Ministerium zu finden, sondern mutieren zu „Anforderungen“ von außen (s.u.). Der Zeitgeist ist die treibende Kraft, die die Bedeutung der Familie für die Gegenwart in Frage stellt. In  wolkenreicher Sprache soll dem Leser sodann vermittelt werden, das alles wieder gut wird: „offener“, pluraler“ usw. Ob das die Betroffenen, d.h. die Kinder wohl auch so sehen?

Gleichwohl ist festzustellen, dass sich die Anforderungen an Familien verändert haben: bildeten sie früher im Koordinatensystem des Aufwachsens den Mittelpunkt, sind nun in diesem System weitere zentral bedeutsame Punkte entstanden. So führt der Ausbau der Betreuung für Kinder unter und über drei Jahren dazu, dass die öffentlichen Akteure (hier sind sie wieder..)  im Leben der Kinder stärker präsent sind…..Kinder erleben damit keine reine  „Familienkindheit“  mehr (!!!!),  wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten in Westdeutschland üblich war.  Sie wachsen in einer betreuten Kindheit auf…….in der Summe werden ihre Lebenswelten offener, pluraler, individueller, vorläufiger. Die Einbindung der Kinder und Jugendlichen in ein ideologisches und wertgebundenes stabiles Koordinatensystem wird fragiler“.

Die Eltern: eine Restgröße

Es ist unfassbar, mit welchem Sarkasmus die sogenannte „Familienkindheit“ und ihr Wertesystem als „fragil“ abgewertet  wird. Und die Eltern? Keine Sorge, sie tragen noch „Verantwortung“, aber nur eine, die von den staatsideologisch gesetzten Institutionen zugelassen wird. Eigenständigkeit der Elternschaft und Wahlfreiheit verkümmern zu Fremdwörtern, da nicht gewollt:

„Dennoch werden Eltern dadurch nicht bedeutungslos, im Gegenteil: sie müssen nun neue Entscheidungen treffen, etwa eine Einrichtung der Kindertagesbetreuung auswählen, einen von ihnen als angemessen betrachteten Startzeitpunkt des Kindes in die institutionelle Betreuung festlegen oder die Kommunikation mit dem Personal der Kindertagesbetreuungseinrichtung regeln“.
Welch blanker Zynismus!  Unter den Autoren des Berichtes kann es eigentlich keine Eltern geben, denn welcher Elternteil kann seine eigene  Bedeutungslosigkeit  derartig emotionslos beschreiben???   Selbstverständlich stehen die Erkenntnisse der Bindungstheorie einem solchen „Social Engineering“ im Wege.

Das fällt auf:

  • In keinster Weise wurde in dem Regierungsbericht  versucht, auf die Gefühlslage der betroffenen Kinder und Jugendlichen einzugehen.
  • Das Menschenbild der Ministerialbeamten, das Menschen als Objekte, als Verfügungsmasse der Politik betrachtet, ist so eindeutig bisher kaum in Regierungspapieren beschrieben worden.
  • Das Familienministerium setzt sich ein für „Kinderrechte ins Grundgesetz“, mit der Begründung:  „…..ein Kind …..ist ein Wesen mit eigener Menschenwürde“. Wenn das so ist, kann es kein Objekt, bzw. öffentliches Gut  sein.
  • Die dreiste Offenheit, mit der z. B. über die Zerstörung der Normalfamilie  berichtet wird, zeigt auf, dass die Autoren  im „Familien“ – Ministerium keinen Widerstand, geschweige denn Empörung über den Bericht in der Öffentlichkeit,  befürchten.
  • Es gibt im Bundestag offenbar zum Thema „Kinder- und Jugendpolitik“ kaum eine parlamentarische Opposition – ähnlich wie zu anderen Themen der feminisisch geprägten Frauenlobby. Eine Ausnahme: die Betreuungsgeld-Debatte. Sie war allerdings eine reine Stellvertreterdebatte, denn es ging dabei nicht um das Betreuungsgeld. Es ging in der damaligen Bundestagsdebatte schlicht um die Zukunft der klassischen Familie, dem überwiegend gelebten Modell einer Familie.

Umerziehung der Kinder und Jugend

Deutschland ist dabei, das dritte Mal (innerhalb von nur 80 Jahren) die „Umerziehung einer Nation“ (Spiegel-Titel 1/2007) mit der Bildungspolitik zu betreiben, nach dem Motto „Schule als ideologische Anstalt“.  Und die Öffentlichkeit? Keine Institution empört sich, weder die Kinderkommission des deutschen Bundestages, noch der Deutsche Kinderschutzbund…..

Das  Programm „Fremdbetreuung“ mit einer Art sozialistischem Menschenbild, stellt zudem, und das ist viel folgenreicher, einen sozialistischen „Großversuch“ dar, mit dem eine „neue Generation von Menschen“ geschaffen werden soll, so das  Original-Zitat von Alva Myrdal, der Gründerin der schwedischen Kindertagesstätten /3/. Ganztagsbetreuung der Kinder würde – so Alva Myrdal – Menschen schaffen, die besser in eine „neue Welt“ passen und zudem die „Hindernisse für die Emanzipation der Frau“, nämlich die Kinder, beseitigen helfen. Übrigens: die Verringerung des familiären Nettoeinkommens durch die Regierung in Schweden war dabei sehr hilfreich, die Frauen in die Erwerbstätigkeit und Kinder in die KiTas zu zwingen.

Und wieder wird in Deutschland einmal eine Generation Kinder viele  Jahre später  ihre Väter und Mütter fragen:  „…und warum habt Ihr dagegen nichts getan?“ Die Antwort wird sein: „wir haben nichts davon gewusst!“ Das ist sogar verständlich. Denn: welche normalen Eltern tun sich heute den Tort an, den oben zitierten Regierungsbericht  und die dazugehörigen 82 Seiten der Studie durchzulesen?

/1/   http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/122/1712200.pdf
/2/  http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=196138.html
/3/  http://www.familie-ist-zukunft.de/alte_seiten/Negativbefunde.htm

Folgender dazugehöriger NZZ Kommentar trifft den Nagel auf den Kopf:
http://webpaper.nzz.ch/2013/02/28/schweiz/K4WCS/die-steigerungsform-von-familienpolitik-heisst-kontrolle?guest_pass=c254fefd1e:K4WCS:5bf97d7e9464e79aee04a170ab8ecd67c025374a

 

 

 

 

4 Responses to “Kinder, ein „öffentliches Gut… wie die Straßenbeleuchtung“”

  1. Thomas sagt:

    Thomas…

    Kinder, ein „öffentliches Gut… wie die Straßenbeleuchtung“ — Agens e.V….

  2. Matthias sagt:

    Es ist insgesamt eine furchtbare Entwicklung. Vor allem: Eine Langzeitstudie in den USA hat gezeigt, dass Krippenkinder oft ein Cortisol-Profil wie gestresste Manager haben. Und dass selbst dann, wenn der Stress aufhört, die Kinder Jahre später noch ein auffälliges Stresshormon-Profil haben.

    Sie werden dann häufiger psychisch krank, kommen auf der Schule nicht mehr mit, werden mit Ritalin gedopt bzw. ruhiggestellt. Folge: Arbeitslosigkeit, Bindungslosigkeit, Alkoholismus, Gewalt – und der nächste Amoklauf lässt dann auch nicht mehr endlos lang auf sich warten.

    Warum Kinder so einen Stress in der Krippe haben, wie der Top-Manager, der kurz vorm Herzinfarkt steht? Ganz einfach: Der Mensch ist ein Säugetier. Und bei Säugetieren ist die Bindung zwischen Muttertier und Jungem ziemlich eng, egal bei welcher Art. Besonders, wenn das Junge noch sehr jung ist. Da ist der Mensch keine Ausnahme.

    In der Natur steht für ein Säugetier-Junges der Tod auf der Agenda, wenn die Mutter weg ist. Ein jedes junges Säugetier hat deshalb von Natur aus die Eigenschaft, dass es unheimlich darauf achtet, dass die Mutter noch da ist, und gerät in Todesangst und Panik, wenn sie nicht mehr da ist.

    Ich erinnere mich an eine Tierfilmszene, in der ein Damwild-Kälbchen aus einem Gehege vom Tierarzt geimpft werden musste. Hierfür musste es für vielleicht zwei Minuten vom Muttertier getrennt werden. Das Kleine hat markerschütternd geschrieen. Und die Mutter stand auch sichtlich auf dem Schlauch.

    Und genau das ist bei Menschen nicht anders.

    Oder, anderes Beispiel: Bei Rindern werden ja in der konventionellen Landwirtschaft (nicht beim Ökobauern) die Kälber von den Müttern getrennt, um deren Milchleistung besser ausbeuten zu können. Das Kälbchen bekommt dann sog. Milchaustauscher. Folge: Eine Psychomacke fürs Leben. In der Literatur stieß ich auf erwachsene Bullen, die immer noch an allen Zapfen bzw. zitzenartigen Gegenständen versuchten, herumzunuckeln, weil sie das als Kälbchen nicht genug bei ihrer Mutter gehabt haben.

    Ich bin jetzt mal so dreist, und spanne hier wieder den Bogen zum Menschen: Ist es für Menschen nicht auch erwiesen, dass zu wenig gestillte Kinder öfter als Erwachsene noch gesundheitliche Probleme haben, auch psychische, Alkoholismus und Depressionen? Oder hab ich das falsch in Erinnerung?

    Also das hier

    http://suite101.de/article/schuetzt-stillen-vor-psychischer-erkrankung-a141714#axzz2N8gavpSU

    spricht jedenfalls für sich.

    Und noch eine Parallele zum Menschen (Auch wenn mir Feministinnen dann den Vorwurf machen werden, ich hätte Frauen mit Milchkühen verglichen! Es ist ja nicht gegen Frauen gerichtet, sondern für!): Wenn eine Frau kurz nach der Geburt ihres Kindes wieder der hochheiligen Erwerbsarbeit nachgehen muss, dann erinnert das doch regelrecht daran, wie Kühe und ihre Kälbchen in der konventionellen Landwirtschaft behandelt werden. Nur halt mit dem Unterschied, dass in einem Fall die Milchleistung, im anderen die Arbeitskraft der Mutter ausgebeutet werden soll. Beides ist dann jedenfalls voll durchökonomisiert, hin auf kurzfristige, wirtschaftliche Erfolge, ohne nach Langzeitfolgen zu fragen.

    Außerdem enthält die Milch eines Säugetiers – auch da ist der Mensch keine Ausnahme – Antikörper, die das Junge bzw. Kind durch sog. rezeptorvermittelte Endozytose ins Blut aufnimmt. Das ist gut gegen die Gefahr einer Infektion.

    Ich will damit übrigens icht sagen, der Vater sei für Kinder unwichtig, weil wir ja Säugetiere sind. Denn: Der Mensch gehört ja bekanntlich zu den Ausnahme-Säugern, bei denen biparentale Jungenfürsorge überhaupt vorkommt, und es ist beim Menschen ziemlich klar erwiesen, welche Schäden Vaterlosigkeit anrichten kann.

    Hundewelpen übrigens sind in Deutschland besser vor einer zu frühen Trennung durch die Mutter geschützt als menschliche Kinder. Ähnliches gilt für Kühe und Kälber aus der ökologischen Landwirtschaft. Gut für diese Tiere, muss auch so sein, aber beim Menschen müsste es schon lange so sein.

    Ach ja, und ich hatte noch vergessen zu erwähnen, dass das Burnout-Risiko größer ist, wenn die eigene Mutter während der Schwangerschaft mit einem erwerbstätig war, anstatt sich zu schonen.

    Für alle, die mich jetzt für ein reaktionäres, frauenverachtendes Ungeheuer halten, oder für einen „Biologisten“ (Was ich hier geschrieben habem, ist übrigens gar kein Biologismus. Es sei denn, man definiert ihn so wie es typische Feministinnen tun. Bei denen fällt JEDE biologische Betrachtung unter diesen Begriff.): War das jetzt frauenfeindlich?

    Wer es frauenfeindlich findet, kann ja mal über den starken Anstieg bei psychischen Krankheiten (auch wenn hier teils nur die Diagnostizierung häufiger geworden ist) nachdenken und darüber, wie sehr seine persönliche Sicherheit, so z. B. in der U-Bahn, davon abhängt, dass die Leute nicht schon als Säugling eine „beschissene Kindheit“, wie es immer so heißt, hatten.

    Und man sollte sich auch fragen, ob es in vielleicht 20 Jahren überhaupt noch richtige Familien gibt.

  3. Franz Speck sagt:

    Schöne neue Welt!

    Die Kinder werden (noch) nicht genetisch passend gemacht, aber immerhin ideologisch. Aber das kennen wir ja schon aus anderen Zeiten und von anderen Kulturen. Nix Neues im Westen.

  4. F. Mahler sagt:

    „Das Familienministerium setzt sich ein für “Kinderrechte ins Grundgesetz”,…..“
    Nun ja, wer sich die Webseiten derer anschaut, die derartige Forderungen propagieren, wird sehr schnell feststellen, daß mit diesem Begriff „Kinderrechte“ keineswegs die in der UNkrk festgestellten gemeint sind, zumal diese ja seit Mitte 2010 Teil des Grundgesetzes sind und auch als Bundesgesetz Gültigkeit haben.
    Es geht üblicherweise um das genaue Gegenteil, nämlich exakt diese Kinderrechte auszuhebeln und durch institutionelle Rechte zu überlagern.
    Kurz gesagt, man möchte, daß z.B. Jugendämter das Sonderrecht bekommen, das Recht des Kindes auf seine Wohnung und seine Familie ( übrigens auch ein allgemeines Menschenrecht, nicht nur der Kinder ) „im Namen des Kindes“ gegen seine Eltern zu verletzen. Eben deshalb wird auch ein „eigenes Beschwerderecht des Kindes bei der EU“ so begrüßt. Zweifelsfrei wird man kaum einem Kind die Beschwerde dort ermöglichen, sondern familienfernen Dritten, meistens wohl aus familienfeindlichem Geschäftsinteresse..