'Der Tag, an dem ich die Frauen verstehe….

static.skynetblogs.be/media/133403/dyn003_ori...….animierte Bernhard Lassahn zu folgenden Gedanken:

Beim Küssen soll man den Mund halten. Da ist jedes Wort überflüssig. Mit nur einem falschen kann man mehr Schaden anrichten als mit einem Glas zuviel. Wie heißt es doch: „In keiner Sprache gibt es so viele Missverständnisse wie in der Sprache“. Ja, ja.
Da freut es mich, wenn es ausnahmsweise doch mal klappt und ich merkte, dass man sich manchmal mit Worten ganz gut verständigen kann. Es geht. Man kann sogar Frauen verstehen. Man muss zwar noch ein wenig zwischen den Buchstaben lesen, zwischen den Zeilen und sogar zwischen den Zwischenräumen. Das habe ich aber gerne getan.
Die Kritik, die gleich zum Vorschein kommt, ist nicht persönlich gemeint – keine Sorge: Es ist nur Sprachkritik, sie richtet sich nicht gegen den, der so redet. Nur gegen das Gerede. Es ist sowieso keine rein persönliche Angelegenheit; denn die Stimme, der ich geduldig zugehört habe, nimmt für sich in Anspruch, für alle Frauen zu sprechen. Ich liebe Frauen. Da kriege ich sofort spitze Ohren. Und rote. Und dann kommt noch das Vergnügen an der Sprache dazu, das mir zum Glück nicht restlos ausgetrieben wurde, als ich gelernt habe, Gedichte zu interpretieren. Es ist ein bisschen lang geworden. Das liegt daran, dass manche Worte so gehaltvoll sind, da steckt viel drin, wie bei Medizin. Also:
Schon im vorigen Jahr hatte sich Alice Schwarzer zum Frauentag geäußert. Das wird schon nicht so doll gewesen sein – denkt man. Doch. War es. Es war sensationell in der Sache und aufschlussreich in den Formulierungen. Wenn man sich die kleine Meldung auf der Zunge zergehen lässt, versteht man ihren Stil, den Aufbau ihrer Argumente, die rhetorischen Tricks der Frauen – das ist immer gut zu wissen -, und wir lernen das Geheimnis des Feminismus kennen.
Wie Schwarzer in der ‚Frankfurter Rundschau’ schreibt, sei der Frauentag eine „sozialistische Erfindung“, die auf einen Streik von Textilarbeiterinnen zurückgehe – die Frauenbewegung sei aber Anfang der 1970er-Jahre im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die machohafte Linke entstanden. Das sei eine Linke gewesen, „die zwar noch die letzten bolivianischen Bauern befreien wollte, die eigenen Frauen und Freundinnen aber weiter Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen ließ“, kritisierte Schwarzer. Auch die realsozialistischen Länder seien in den obersten Etagen bekanntermaßen frauenfrei gewesen. „Unter diesen Vorzeichen ist die Übernahme des sozialistischen Muttertags als ‚unser Frauentag‘ für Feministinnen, gelinde gesagt, der reinste Hohn.“ Darum solle der „gönnerhafte 8. März“ am besten einfach abgeschafft werden.
Wie war das? Warum soll der Frauentag abgeschafft werden? Was ist er geworden? Der „reinste Hohn“. Aha. Da haben wir ihn schon – den Superlativ, ohne den es bei ihr nicht geht, sie braucht es XXL, sie hält ja auch den Feminismus für die „bedeutendste Bewegung des Jahrhunderts“ und berichtet vom „Super-GAU“ (ein GAU ist der „größte anzunehmende Unfall“) im Prozess gegen den „allmächtigen“ Angeklagten Jörg Kachelmann. Manche hatten den Wettermann womöglich mit Petrus verwechselt, sie weiß es besser: Kachelmann ist Gott. Der hat es aber auch nicht leicht. In einem drohenden Freispruch aus Mangel an Beweisen sieht sie eine „Katastrophe für Millionen von Frauen“.

Zurück zum Hohn: Es handelt sich nicht etwa um „reinen“ Hohn, oder gar um einen, der „nicht nur sauber, sondern rein“ ist, sondern – wenn schon, denn schon – um den „reinsten“ Hohn. Reinheit ist eine transzendentale, ja, metaphysische Kategorie; religiöse Gefühle und sexuelle Enthaltsamkeit schimmern da durch, ich kenne mich da überhaupt nicht aus, ich war schon lange nicht mehr in der Kirche, lebe nicht enthaltsam und stopfe immer alles zusammen in die Waschmaschine und stelle die ohne groß nachzudenken auf 60 Grad.
Um Hohn geht es also – in einer schlimmen Form, in der schlimmsten. Das ist jedoch – wenn wir uns erinnern – „gelinde gesagt“. Da haben wir noch mal Glück gehabt. Das Donnerwetter ist vorbeigezogen. Wie mag es sich erst anhören, wenn sie etwas nicht mehr „gelinde“ sagt, sondern ganz normal – oder wenn sie womöglich ein winziges bisschen übertreibt? Ein Superlativ kombiniert mit „gelinde gesagt“ verrät immerhin, dass sie ihr Brüllen als Flüstern ansieht. Die Vuvuzela ist stets griffbereit. Man hat das Gefühl, man bräuchte auch beim Lesen Ohropax.
Doch unabhängig vom Reinheitsgrad ist schon der „Hohn“ selber eine üble Sache. Alle, die gerne etwas reparieren; alle, die sich zuständig fühlen und sofort die Ärmel aufkrempeln, mögen das nicht. Denn bei Hohn gibt es keine Schadensregelung. Da kann man nichts machen. Doch nach der Lektüre von ‚Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars’ wissen wir immerhin, dass Frauen oft keine Behebung des Misstandes wünschen, sondern lieber weiterjammern wollen. So läuft es auch hier auf ein Lamento hinaus, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Man kann schon deshalb nichts machen, weil man nicht weiß, wer es überhaupt ist, der hier höhnt.
Damit sind wir beim nächsten Trick: dem Passiv. Es gibt nur Opfer, keine handelnden Personen. Wer war es denn nun? Etwa die üblichen Verdächtigen – Männer also -, die erst „gönnerhaft“ einen Frauentag genehmigt und anschließend gehöhnt haben? Ich glaube nicht. Die Männer wirkten in dieser Sache eher zurückhaltend, wenn nicht gar gleichgültig. Da ist mir keiner aufgefallen, den man sich zur Brust nehmen könnte: „Hör mal zu, Alter, den Frauentag verhöhnen, das machst du aber nicht noch mal, verstanden?“ Doch wer war es dann? Etwa die Frauen selber? Viele Projekte sind heute speziell „von Frauen für Frauen“; Frauen sind stolz auf das, was sie alleine können, ohne Männer; und so hatte offenbar auch der Internationale Frauentag – von vielen unbemerkt – längst unter dem Motto gestanden: Frauen verhöhnen Frauen!
Immerhin erfahren wir, was den Frauentag so gründlich verdorben hat: die „Vorzeichen“. Die waren es. Damit schlägt die Argumentation schnell einen Haken und versucht, die Formel mit dem negativen Vorzeichen anzuwenden. Die kennen wir aus dem Mathe-Unterricht: – (2 +1) = – 3. Dabei gilt: Was vor der Klammer steht, ist entscheidend. Steht ein Minuszeichen davor, ist das Ergebnis negativ. Steht ein Plus davor, positiv: + (2 + 1) = 3. Wenn ich ein mieses Ergebnis will, muss ich für ein negatives Vorzeichen sorgen und den Fokus vom Zeichen auf das Vorzeichen umleiten.
So machen es die Kritiker mit dem bösen Blick: Wenn sie es schaffen, ein Minus vor die Klammer zu bugsieren – oder behaupten, dass da eins ist -, können sie alles schlecht machen und sich obendrein einbilden, Adorno hätte ihnen persönlich mit dem Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ seinen Segen dazu gegeben. Bewertungen von Feministen sind fast immer negativ; sie jammern ja nicht ohne Grund; sie versuchen, Kapital daraus zu schlagen, als wäre der Rest der Welt verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen und Wiedergutmachung zu leisten.
Die Formel gilt aber nur in Mathe. Im richtigen Leben nicht. Da kann sich ein Vorzeichen ganz unterschiedlich auswirken – oder gar nicht. Die Wirkungsweise ist keineswegs so primitiv, wie hier unterstellt wird. Der „betörende Glanz der Dummheit“ strahlt auch an Stellen, wo man ihn nicht erwartet. Und die Vorzeichen, die uns Alice Schwarzer andrehen will, sind auch keine – weder Vorzeichen im Sinne der mathematischen Formel, noch im übertragenden Sinne.
Sie hat ein Problem mit der zeitlichen Reihenfolge. Ihre Vorzeichen tauchen nicht etwa „vorher“ auf, sondern irgendwann auf halber Strecke. Doch wenn sich ein Vorzeichen, das seinem Namen gerecht wird, auswirken soll, dann nur, wenn es vorangestellt ist. Ein Beispiel: Man könnte sagen, dass eine Reise unter schlechten Vorzeichen steht, weil die beiden Fahrer keinen Führerschein haben und sich darüber gestritten haben, wohin es überhaupt gehen soll. So wie Alice Schwarzer uns die Geschichte erzählt, sieht sie die schlechten Vorzeichen in zwei heruntergekommen Raststätten, an denen sie gerade vorbeigefahren sind.
Sehen wir uns die Reise an: Am 19. März 1911 gab es den ersten Frauentag; er wurde im Jahr zuvor auf Initiative von Clara Zetkin auf der 2. internationalen sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen beschlossen. Das Thema der ersten Aufmärsche war das Wahlrecht. Der Termin änderte sich, einmal fiel er auf den 5. Mai, den Geburtstag von Karl Marx. Inzwischen ergaben sich neue Themen, die Proteste richteten sich gegen den Krieg, und – nachdem das Wahlrecht durchgesetzt war – ging es um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Erst 1921 wurde der Termin auf den 8. März (nach dem alten russischen Kalender 23. Februar) festgelegt, um damit an einen Textilarbeiterinnenstreik in Petersburg zu erinnern, der als einer der Auslöser der Februarrevolution gilt. Die Nazis verboten den Frauentag. Doch schon 1946 wurde er wieder eingeführt – in der SBZ. Der Westen zögerte. In den 50ern kam die Legende auf, dass der März-Termin an die gewaltsame Niederschlagung eines Streiks von Textilarbeiterinnen in New York erinnern sollte – ein anderer Ort, dieselbe Branche. Mit dieser Deutung wirkte der Gedenktag nicht mehr so kommunistisch. Im ‚Jahr der Frau 1975’ feierten die Vereinten Nationen den Tag, zwei Jahre später wurde der 8.3. als offizieller Gedenktag eingeführt und wird heute vorwiegend in den ehemals sozialistischen Ländern gepflegt. Das macht alles einen guten Eindruck. Was gibt es da zu meckern?
Aus dieser bewegten Geschichte greift sie sich eine Etappe heraus, den „Anfang der 1970er-Jahre im Westen“ – ihren persönlichen Horizont. Dieses schmale Zeitfenster bietet sie uns als „Vorzeichen“ an, von dem ihrer Meinung nach so viel negative Energie ausging, dass damit die gesamte Tradition auf Abwege geriet. Da muss ja extrem dumm gelaufen sein. Was war denn nun so verwerflich an den Linken? Sie „ließen“ die Frauen „Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen“. Und drüben? Im real existierenden Sozialismus waren die „obersten Etagen bekanntermaßen frauenfrei“.
Paint it black. Der Trick, mit dem hier Frau Schwarzer alles „Schwarz in Schwarz“ malen will, ist das nachträgliche Übelnehmen, als wollte sie zu spät etwas reklamieren, das sie gar nicht gekauft hatte. Hier kann man auch nichts machen, weil über den Schadensfall schon Gras gewachsen ist. Ich hatte mich mal bei der Suche nach einer Reiseverbindung im Termin vertan, und der Computer zeigte mir an, dass er die Information nicht geben könnte, weil die angeforderte Verbindung „in der Vergangenheit liegt“. So auch hier. Wenn Alice Schwarzer ihre Kritik rechtzeitig vorgetragen hätte, hätte man ihr sagen können: „Geh doch rüber und erzähl das dem Genossen Honecker!“
Doch was hätte der sagen sollen? Auch hier ist es schwer, die richtigen Täter auszumachen. Denn „bekanntermaßen“ hatte das Deutsche Reich den Krieg verloren, die alten Herren im Palast der Republik waren keine Machthaber, sondern Marionetten. So gesehen ist es auch nicht weiter tragisch, dass die „oberen Etagen“ „frauenfrei“ waren – eine Anspielung auf „judenfrei“; Frau Schwarzer kokettiert gerne mit diesem Vokabular, um anderen faschistoide Gesinnung zu unterstellen.
Dabei müsste aus ihrer Brust eigentlich der Stoßseufzer kommen: „Es war aber nicht alles schlecht in der DDR“. Frauen waren grundsätzlich erwerbstätig; die Kinderbetreuung war in der Krippe ‚Juri Gagarin’ gewährleistet; Scheidungen waren unkompliziert, sie dauerten 14 Tage und kosteten 12 Mark. Es gab Quoten bei den Aspiranten, ansonsten ging es streng nach Leistung und Gesinnung. In Sachen Abtreibung – was die Frauenbewegung im Westen gerne als ureigene Erfolggeschichte ansieht – war die DDR Vorreiter gewesen. Und mit Christa Wolf und Irmtraud Morgner gab es mindestens zwei „Kulturschaffende“, die speziell zu Frauenthemen eine Literatur aufweisen konnten, gegen die vergleichbare Westprodukte wie von Svende Merian oder Verena Stefan zweitklassig wirken – gelinde gesagt. So schlecht war es wirklich nicht. Die DDR kam den feministischen Idealen mehr als nur „einem Stück weit“ entgegen und gab uns einen bitteren Vorgeschmack auf eine mögliche weibliche Zukunft.
Mit Gesinnungspolizei, verordneter Mittelmäßigkeit, der Unterordnung des Individuums unter die Gruppe, der Beschneidung bürgerlicher Rechte; einer lähmenden bürokratischen Regulierung, die ins Privatleben eingreift; sowie einer ideologischen Sprache mit verdächtiger Vorliebe für das leidige Passiv und mit unverstandenen Verallgemeinerungen, die einfach zu groß waren, um gültig zu sein – und „nicht zuletzt“ mit einer stets neu geschürten Feindseligkeit – in der DDR gegen den Kapitalismus, bei den Feministen gegen das Patriarchat.
Und im Westen? Hier versucht sie ebenfalls, ein düsteres Schwarzbild zu malen. Doch sie beschreibt dabei nicht die Linke, sondern deren Gegner. Es heißt: Die Linke „ließ (…) weiter Kaffee kochen“. Da fragt man sich doch: Was meint sie mit „lassen“? Es kann heißen, dass man jemanden „veranlasst“, etwas zu tun oder ihn „gewähren lässt“. In der zweiten Bedeutung wäre die Bemerkung sinnlos. Es sei denn, sie wollte sagen, die linken Männer hätten die Frauen stoppen müssen, um sie nicht ins Verderben laufen zu „lassen“. Da hätte sich also ein Mann vor der Küche aufbauen müssen und sagen: „Halt! Ich lasse es nicht zu, dass Frauen Kaffee kochen!“ Doch auch die Vorstellung, dass die Linke etwas „machen lassen“ konnte – in dem Sinne, dass sie jemanden drängen konnte, etwas zu tun, was derjenige gar nicht wollte -, ist falsch. Die Linke konnte das nicht.
Und wollte nicht. Ein Betrieb, der Lehrlinge ausbildete, konnte: Er „ließ“ die Jungs erstmal die Dreckarbeit machen, eh sie eingestellt wurden. Die Linke stellte niemanden ein. Man konnte sich ihr auch nicht mit Gefälligkeiten andienen – etwa so: „Ich mach mal schnell Kaffee, darf ich dann bei euch mitmachen?“ So nicht. Es ging um das richtige Bewusstsein. Wer das hatte, war dabei. Dann machte er entweder alles selber – die Begriffe „Liedermacher“ und „Filmemacher“ verraten dieses Ideal, später wurde auch das Brot selbst gebacken – oder er ordnete sich einem Kollektiv unter. Es gab an der Uni Gruppenarbeiten, die alle unterschrieben, egal wer was dazu beigetragen hatte – und ob überhaupt. So war das. Und nicht so, dass jemand irgendetwas an Untergebene delegieren konnte. Die Linke hatte keine Untergebenen. Die ließen auch ihre Frauen nicht tippen. Nichts da. Die Bosse taten das, nicht die Genossen. Die Linke wollte keine Haushälterin und keine Sekretärin. Das waren in ihren Augen Witzfiguren aus den 50ern wie in Filmen mit Heinz Erhardt.
Der Hinweis auf den Kaffee wirkt ein wenig kleinlich. Das muss nicht schlecht sein, solange es einen Sinn für das Detail verrät. Es wird aber schlecht. Und bitter. Es wird zu einer Haltung, die wegen einer einzigen fauligen Olive das ganze Buffet weggeschmeißt. Man tut so, als würden Mindestanforderungen nicht erfüllt, um danach eine Generalverurteilung folgen zu lassen. Als wollte man sagen: „Wenn es schon beim Kaffee nicht gut war, was kann man dann noch erwarten!?“ Wenn es „nicht mal“ da stimmt. Es erinnert an den Witz, indem ein Mann den Nobelpreis entgegennimmt und die Ehefrau sagt: „Das ist ja ganz nett mit diesem Preis da, aber die Krawatte, die du angehabt hast, war unmöglich“.
Noch etwas kann man aus dem Kaffeesatz lesen. Die Formulierung von den „eigenen Frauen und Freundinnen“ klingt so, als hätten die Männer geregelte Machtbefugnisse gehabt, auch gegenüber Frauen, die noch nicht dem Joch der Ehe unterliegen. Warum werden sie sonst extra erwähnt? Aber war es wirklich so? Ich habe das anders in Erinnerung. Die „eigenen Frauen“ waren wechselnde Freundinnen, besser gesagt „Beziehungen“, bei denen die Frauen mehr als nur ein Wörtchen mitzureden hatten. Doch mit dem verzichtbaren Adverb „eigenen“ wird nahegelegt, dass die Frauen zum Eigentum der Männer gehörten.
Hier schimmert die tiefe Abneigung durch, die Frau Schwarzer „bekanntermaßen“ gegen die Ehefrau und Hausfrau hat. Die hat sie von Simone de Beauvoir, die meinte: „Keine Frau sollte das Recht haben, zu Hause zu bleiben und die Kinder großzuziehen“. Die Hausfrauenarbeit, die umso leidenschaftlicher diskutiert wurde, je mehr sie durch Elektrogeräte erleichtert wurde, hat Frau Schwarzer, als sie sich wieder mal gelinde ausdrückte, als „Sklavenarbeit“ bezeichnet. Hätten sich beide zusammengetan, könnten sie sich auf die Formel einigen: „Keine Frau sollte das Recht haben, Sklavenarbeit zu machen.“ Immerhin wissen wir nun, woher die beliebte Formulierung kommt, dass „Frauen in der Küche angekettet“ werden. Selbst beim Kaffeetrinken herrscht Unterdrückung. Die Nudelrolle liegt neben der Peitsche. Aus dem Radio, das ununterbrochen in der Küche läuft, hört man Gospelgesänge.
Ach ja, die Kinder. Es war nicht vorhersehbar, dass manche Frau aus der Parole „Mein Bauch gehört mir“ wenig später „das Kind gehört mir“ machen würde, als wäre es das passende Update, doch damals wurden die Weichen gestellt und der Zug der Zeit fuhr just in diese Richtung, „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“, hieß es im Schlager dieser Tage. Denn mit der Pille, notfalls mit einer Abtreibung in Holland, hatte eine Frau mehr denn je die Möglichkeit, eine Schwangerschaft ganz unter ihre Regie zu stellen und den Mann dabei zugucken zu „lassen“. Ein Kind wurde aber nicht allein gelassen. Die Linke sah in der frühkindlichen Erziehung den Hebel zur gesellschaftlichen Veränderung und richtete alternative Kinderläden ein. Die frühen 70er erlebten einen Boom an Pädagogikstudenten. So war’s.
Das sieht bei ihr ganz anders aus. Erstaunlich. Es ist nicht etwa so, dass sie in ihrer Beschreibung einen Fehler macht oder zwei oder drei – es ist alles falsch. Sie lebt in einer eigenen Welt mit eigenen Begriffen, so wie Pippi Langstrumpf: „Ich mach’ mir die Welt, Widdewidde, wie es mir gefällt“. Schon mit der „machohaften Linken“ liegt sie mehrere tausend Kilometer und ein knappes Jahrzehnt daneben. Das Wort „Macho“ tauchte erst später auf und wirkt an dieser Stelle wie ein Requisitenfehler in einem historischen Film, wie die Armbanduhr bei einem Gladiator. Was soll es denn heißen? Es kommt einem irgendwie spanisch vor, und bezeichnet etwas dominant Männliches – etwas, das manche Frauen besonders mögen, was für andere wiederum Anlass zur pauschalen Verurteilung ist. Wenn man etwas gegen Machos hat, hat man etwas gegen Männer. Mehr ist damit nicht gesagt. Ironischerweise wird Alice Schwarzer wegen ihres autoritären Gebarens selber als „Macha“ bezeichnet, als weiblicher Macho.
Das Wort ist zu groß, es passt in keine Küche. Es ist ein Scheinriese, wie der berühmte Tur Tur; je näher man herankommt, desto weniger bleibt davon übrig. „Je näher man ein Wort anschaut, umso ferner schaut es zurück“, heißt es bei Karl Kraus. Scheinriesen standen auf öffentlichen Plätzen im Sozialismus und lauern im Kapitalismus auf Plakatwänden. Es gibt sie immer noch. Auch das Wort „frauenfeindlich“ ist so ein Ungetüm oder der schreckliche „Klimakiller“. Sie verderben jeden vernünftigen Gedankengang. Wenn man das Argumentieren mit Fußballspielen vergleicht, ist es, als würde der Ball schon beim ersten Kontakt ins Aus geschossen. Die Spielgrenzen werden nicht respektiert.
Wir kennen das vom Streiten. Da heißt es „Nie hörst du mir zu“ oder „Immer muss ich alles alleine entscheiden“ – zu große Wort in zu großer Lautstärke. Da kann man nur sagen: „Liebling, du weißt doch, dass man mit dem Holzhammer keine SMS schreiben kann. Was wolltest du mir sagen? Flüstere es mir ins Ohr.“ Leider hat man bei Alice Schwarzer, die privat ganz nett sein soll, bei ihren Texten immer das Gefühl, dass sie nicht diskutieren, sondern zanken will.
Mit einem Wort wie „Macho“ geht das sehr gut, es hat einen hohen „Streitwert“, taugt aber nicht, um etwas zu beschreiben oder zu erklären: „Macho“ lässt sich auf alle Männer an jedem Ort zu jeder Zeit anwenden – und auf mindestens eine Frau – es enthält also nichts, was charakteristisch wäre für die Linke der frühen 70er, um die es hier geht.
Dabei gäbe es einiges dazu zu sagen. Es war schwer was los, damals. Die Linke hatte verschiedene Feindbilder, eins davon war der „autoritäre Charakter“. Das ging so weit, dass es bei der Rockgruppe Amon Düül, die besonders gut den Zeitgeist verkörperte (und weniger gute Musik machte), keinen Schlagzeuger geben durfte, denn der hätte wegen der Lautstärke zuviel Autorität gehabt. Das durfte nicht sein. Für die Linke war das Kollektiv wichtig, das anti-autoritäre Gebaren, das ewige Diskutieren in Gruppen. Vor diesem Hintergrund entstand ein neuer Männertyp: der Softie.
Vielleicht hatte es aber tatsächlich mal einen Mann gegeben, der zu einer Frau gesagt hat: „Kannste mal kurz nen Kaffee durchlaufen lassen?!“ Doch so ein Zwischenfall erlaubt keine Verallgemeinerung. Die Frau hätte risikolos antworten können: „Nö!“ Sie hätte sich auch gleich eine andere WG suchen können. Es waren ja nicht alle Machos. Es waren auch nicht alle Softies. Alice Schwarzer sieht aber nicht die Freiheit, sich die passende Gesellschaft auszusuchen und selbst zu bestimmen, was man tun will. Sie sieht nicht die Vielfalt. Das kann sie auch nicht – denn: Die Verallgemeinerung ist eine Voraussetzung für die Verurteilung. Sonst funktioniert es nicht. Wenn sie sagen würde, dass da gelegentlich ein Mann aufgefallen ist, der einen Kaffee wollte, regt das keinen auf. Also muss sie brüllen. Sie übertreibt, verallgemeinert und verurteilt. Das ist ihr magischer Dreisatz. Wir erfahren kaum etwas von der Welt, die sie beschreibt, dafür umso mehr von ihrer Feindseligkeit.
Die erkennt man schon an der Gehässigkeit, die in der Bemerkung über den „letzten bolivianischen Bauern“ aufblitzt. Wieder daneben. Bolivien spielte keine Rolle; man engagierte sich für Vietnam, das liegt in Asien. Es stimmt aber, dass die Linke international sein wollte – „Hoch die internationale Solidarität“ – und sich als soziales Gewissen verstand, das sich um die Ärmsten der Armen kümmert; die waren nicht „die Letzten“, die standen ganz weit vorne, wurden sogar als „Subjekt der Geschichte“ angesehen. Was ist daran schlecht? Alles, alles, alles. Sie kennt weder den Alltag der Linken, noch deren Traum; weder ihre Realität, noch ihre Utopie. Mir fällt nur ein Grund ein, warum sie so verächtlich vom „letzten“ Bauern spricht: Weil dieser bedauernswerte, entrechtete, spanisch sprechende Landmann aus ärmlichen Verhältnissen ein Macho ist. Der heißt schon so.
Fassen wir zusammen: Auch wenn der Text nur einen geringen Wahrheitsgehalt hat, so hat er doch einen hohen Informationswert – wir lernen den Feminismus kennen. Die Botschaft ist deutlich – ein spektakuläres Eigentor: Alice Schwarzer verrät uns, dass es in Wirklichkeit die große Gemeinsamkeit innerhalb der Frauenwelt, mit der sie sonst immer aufgetrumpft hat, gar nicht gibt. Sie glaubt selbst nicht mehr dran. Nun lichtet sich der Nebel. Nun wird deutlich, was der Feminismus ist; denn nun kann man ihn gut von dem unterscheiden, was er nicht ist. So viel ist klar geworden: Das, was Alice Schwarzer als „unseren Frauentag für Feministinnen“ bezeichnet, passt nicht zur Linken der 70er, nicht zur DDR – und nicht zur Tradition des sozialistischen Frauentages. Die Tradition von „100 Jahre Frauentag“, die wir in diesem Jahr erleben, ist genauso eine Luftblase wie die Einheit aller Frauen.
Kein Wunder, wenn man sich ansieht, was Feministen heute wollen: Quoten für die Vorstände, Posten in Chefsesseln. Die Textilarbeiterinnen – ob in New York oder Petersburg – hätten das als Hohn empfunden, vielleicht sogar als reinen Hohn. In einem Arbeiter- und Bauernstaat hätte man ihr die Bemerkung vom „letzten“ Bauern verübelt. Da stellt sich sofort die Frage: Wer verhöhnt hier eigentlich wen? Ich vermute, dass die alten Genossen die Feministinnen von heute als „Valuta-Weiber“ bezeichnet hätten. Bei den Linken der 70er wären die neuen Parolen auch nicht gut angekommen, damals galt der Kapitalismus als „Schweinesystem“. Die Forderung nach einer Quote für Säue hätte die Softies ziemlich gewundert.
Warum passt es nicht zusammen? Wenn ich auch ein wenig übertreiben darf, würde ich so sagen: Die Linke würdigte die „werktätige“, der Feminismus dagegen die „nicht arbeitende“ Frau. Der Sozialismus belohnte Frauen, solange sie im Arbeitsprozess standen und die richtige Weltanschauung hatten. Im Feminismus sollen Frauen allein schon dafür belohnt werden, dass sie Frauen sind.
Was ist eigentlich so neu am „neuen Feminismus“? Die große Verallgemeinerung. Das ist leider auch ihr Geburtsfehler. Hier kann man wirklich davon sprechen, dass ein bedeutendes „Vorzeichen“ die Reise in die falsche Richtung gelenkt hat. Es war von Anfang an eine verlogene Verallgemeinerung – eine, die rücksichtslos alle Frauen vereinnahmte trotz großer Unterschiede, Unvereinbarkeiten und Widersprüchen. Egal. Der Feminismus guckte nicht so genau hin. Die Linke war wählerisch. In der Tradition des Frauentags wurden nur Frauen in einen Topf geworfen, die sich zumindest lose den Idealen des Sozialismus verbunden fühlten und werktätig waren. Da waren nicht alle dabei. So groß war der Topf auch nicht. Bei Alice Schwarzer schon. Da sind alle drin. Bei ihr gilt: Zur Feministin wird man gemacht, wenn man als Frau geboren wird. Aufnahmekriterien oder Rituale gibt es nicht. Die Limbo-Latte, die den Höhe des Niveaus anzeigt, liegt auf der Erde. Es ist ein Verein, der keinen Mitgliedsbeitrag erhebt, nichts erwartet, aber allen eine Vergünstigung in Aussicht stellt, zumindest Schmeicheleinheiten. Der „totale Feminismus“ ist eine Weltanschauung, die im Sozialismus keinen Platz hatte. Da gab es schon genug Ismen. In der freien Welt konnte er sich besser durchsetzen, besonders bei denen, die vor der Komplexität der Welt resignierten und sich eine simple Erklärung wünschten. Der neue Feminismus funktioniert sowieso nur im dekadenten Kapitalismus, nur da, wo man schon mit dem „Schein eines Gebrauchswertes“ Geld machen kann. Die Geschäftsidee ist, dass man mit der Behauptung, es gäbe DIE Frauen eine Marke einführt, die für ALLE Männer gebührenpflichtig ist. Allen Frauen steht demnach etwas zu. Zwar werden nicht alle das kriegen, was ihnen (angeblich) zusteht, aber es ist eine verführerische Aussicht für alle, die das Gefühl mögen, dass die meisten Bonus-Punkte noch nicht eingelöst sind. Es bringt jedoch das Leistungsprinzip durcheinander, auf das der Sozialismus nicht verzichten wollte. Deshalb gab es auch (offiziell) keine Prostitution in der DDR: Es hätte das Leistungsprinzip unterhöhlt.
Das kann man auch anders unterhöhlen – mit Gleichstellungsbeauftragten etwa, die früher Frauenbeauftragte hießen. Männer werden dabei außen vor „gelassen“; sie haben kein aktives und passives Wahlrecht, wenn es um die Besetzung solcher Posten geht – Posten, für die es keine Arbeitsplatzbeschreibung und kein Controlling gibt. Qualifiziert ist frau durch „Frausein“ – groß geschrieben in einem Wort. „Frau zu sein bedarf es wenig …“ Auch das Pensionärs-Dasein einer Scheidungsgewinnlerin, die Geld dafür kriegt, dass sie ihren Beitrag zum Funktionieren einer Ehe in Zukunft nicht mehr leisten will, ist als Lebensperspektive erst möglich geworden, seit eine feministische Gesetzgebung den Weg dafür frei gemacht hat und Scheidungsprämien gewährte für die Zerstörung von Familien, für die Aufkündigung der Liebe und dafür, dass sie den Kindern den Vater vorenthält. Im totalen Feminismus steht die Biologie über der Ökonomie, Quote sticht Qualität. Im Idealfall schafft es eine Frau, Leistungen zu empfangen, ohne dafür Gegenleistungen zu erbringen – oder Entschädigungen zu erhalten, ohne einen Schaden erlitten zu haben. Das hat Alice Schwarzer schon 1978 in dem ‚stern’-Prozess versucht, als sie Entschädigung dafür einklagte, dass nicht etwa sie, sondern ein ihr unbekanntes Model nackt auf einem Titelbild zu sehen war. Das Argument war, dass „analog den im Nationalsozialismus verfolgten Juden“ auch Frauen eine „beleidigungsfähige Personengemeinschaft“ darstellen, eine Einheit also, bei der „jedes einzelne Mitglied in seiner Ehre verletzt wird“, wenn es nur eine von ihnen trifft, egal wie die Betroffene das selber sieht. Frau Schwarzer hat es 1993 noch mal versucht. Sie klagte im Namen aller Frauen gegen ein Foto, das Helmut Newton von Grace Jones gemacht hatte. Während in der Männerwelt gilt: Lerne leiden ohne zu klagen, ist es hier umgekehrt: Lerne klagen ohne zu leiden.

Eine Verallgemeinerung, die auf einer Seite alle Frauen umfasst, trifft auf der anderen alle Männer, hinterrücks wird so die Kollektivschuld wieder eingeführt. Wenn alle Frauen Opfer sind, sind alle Männer Täter, dann heißt es: „Alle Männer sind Vergewaltiger, auch die netten“. Damit verabschieden wir uns vom bisherigen Rechtsverständnis, das sich an individueller Schuld orientierte und lassen uns niederbrüllen von einer überzogenen Eigenliebe und dem Hass auf Männer. Alice Schwarzer hatte nicht vor, Prozessgewinne an „alle“ Frauen weiterzuleiten – was sowieso nicht möglich gewesen wäre. Die Gewinne, die mit dem totalen Feminismus zu machen sind, kommen sowieso nur Wenigen zugute, da stört es auch nicht, dass es Vorstandsposten nur für 0,00001 Prozent der Bevölkerung gibt, grob geschätzt. Um wenigen Frauen Vorteile zu verschaffen, werden alle Männer beschuldigt. Der Hass trifft alle. Gnadenlos. Hass macht – anders als die Liebe – keine Unterschiede. Die ‚Emma’ bekennt sich dazu: „Feministinnen ( …) sagen, dass es Gründe gibt zum Hass auf Männer“. Deshalb feierte Alice Schwarzer auch das neu aufgelegte ‚Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer’ von Valerie Solana – wegen „des begründeten Hasses“.
Doch die Gründe für den Hass liegen nicht bei denen, die gehasst werden, sondern bei denen, die hassen. Um auch mal eine Analogie zu verwenden, in der Juden vorkommen – eine kleine Frage: War es etwa Anne Frank, die Gründe dafür geliefert hat, dass sie ermordet wurde? Der Hass liegt im Auge des Betrachters. Er steckt schon in der Übertreibung und Pauschalisierung, mit der der Ozean zwischen Frauen und Männern vergrößert wird, wie Franz Kafka es womöglich gesagt hätte, den ich hier ohne Anführungsstriche zitiert habe.
Die sozialistische Frauenbewegung kannte so einen Männerhass nicht. Neben der Geringschätzung der Arbeit ist dies der zweite Unterschied zur Tradition des Frauentages. Das Wahlrecht musste auch noch für Matrosen und Soldaten erstritten werden, auch Männer waren gegen den Krieg, auch sie hatten miserable Arbeitsbedingungen. Männer und Frauen gingen Hand in Hand gegen den gemeinsamen Feind vor. Je mehr der abhanden kam, desto mehr wurde ersatzweise der Mann dazu gemacht.
Auch bei den Linken der 70er gab es noch nicht diese ausgeprägte – nicht staatlich subventionierte – Feindschaft. So mancher Student ist noch ahnungslos mit einer Emanze ins Bett gegangen und träumte vom gemeinsamen Kampf. Beide waren gegen die Ausbeutung durch den Kapitalismus, gegen die Staatsmacht und die Partei-Apparatschicks, gegen das Militär, gegen Bürokratie, gegen die verkommene Justiz, gegen die Polizei – die so genannten „Bullen“ – gegen Konsumterror, Revanchismus, Kulturimperialismus und Rassismus.
Es gab ein böses Erwachen, als er merkte, dass die Frau inzwischen mit den Feinden ins Bett gegangen war. Mit allen. Sie sitzt auf Quoten-Polstern im Staatsapparat, in den Parteien und der Bürokratie, sie hetzt ihm die Bullen an den Hals und liefert ihn der Gesinnungsjustiz aus. Sie will noch mehr Geld. Früher musste er den Satz, „Soldaten sind Mörder“ durchsetzen, heute soll er „Soldatinnen und Soldaten“ sagen. Seine Ex bekennt sich außerdem zum „Gender mainstreaming“, ihm erscheint das als besonders schlimme Form des Kulturimperialismus. Dass er Wiedergutmachung für die Sünden des Patriarchats leisten soll, kommt ihm revanchistisch vor, der neue Feminismus zeigt mehr und mehr sein wahres Gesicht und gibt sich als sexistischer Rassismus zu erkennen.
Moment. Da war noch etwas. Ein kleiner, dummer Fehler. Doch gerade die lassen tief blicken. Vielleicht ist er aufgefallen. Wahrscheinlich nicht. Da hieß es: „Unter diesen Vorzeichen ist die Übernahme des sozialistischen Muttertags als ‚unser Frauentag‘ für Feministinnen, gelinde gesagt, der reinste Hohn.“ Hallo??!! Was hat der Muttertag da verloren?
Sie sollte mal einen Blick in den Terminkalender werfen. Der Frauentag ist am 8. März, der Muttertag am zweiten Sonntag im Mai. Es sind nicht nur zwei verschiedene Tage, es sind zwei verschiedene Traditionen, zwei unterschiedliche Sammelbegriffe, unter denen Frauen zusammengefasst werden. Ein „sozialistischer Muttertag“ ist Quark. Alice Schwarzer bringt das nur deshalb zusammen, weil sie gegen beide „Personengruppen“ etwas hat und in ihrer Ablehnung nicht zimperlich ist.
Eine besonders hässliche Polemik – diesmal nicht von Alice Schwarzer, sondern von Thea Dorn – war die Gleichsetzung von Eva Hermann mit Eva Braun. Auch wenn die Last-minute-Ehefrau des Führers kinderlos blieb, wird mit solchen Kabarett-Nummern so getan, als wäre eine Mutterschaft heutzutage nicht nur erzkonservativ, sondern geradezu faschistisch.
Der Mensch Mutter. Nicht der Mensch Vater. Auch nicht der Mensch Feministin, den eine Mutter ihrerseits auch nicht mag. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Mütter können den Männerhass nicht teilen, spätestens dann nicht, wenn sie im Kreissaal die frohe Botschaft hören: „Es ist ein Junge“. Ein Baby ist ein Mysterium, ein „Kind der Liebe“ – und nicht das Ergebnis eines Aktes der Unterdrückung. Auch wenn sich die Mutter zeitweilig dem Feminismus zuneigt – ihre Neigung wird immer im Spannungsverhältnis zu ihren „Mutterinstinkten“ stehen.
Der Muttertag gedeiht am besten in Gesellschaften, in denen sich der Staat nicht in die Familie einmischt. Länder, die keine klare Trennung vom Privaten und Politischen haben – wie Russland oder Vietnam -, kennen keinen Muttertag. Der Muttertag blüht besonders im Kapitalismus, er ist ein Festtag des Kitsches. Er ist auch eine zündende Geschäftsidee, in Amerika übersteigen die Umsätze zum Muttertag sogar die zu Weihnachten. Wenn ich diesmal meine Mutter wieder nicht angerufen habe, dann nicht etwa, weil ich etwas gegen die Mutter hätte oder mich unbedingt vom Warmduscher-Vorwurf des Mamma-Anrufers unterscheiden wollte, sondern weil es mir zu kitschig und zu kommerziell ist. Noch krasser ist es am Valentinstag am 24.2., dem ‚Tag der Liebenden’; der Tag, an dem Männer Blumen kaufen.
Und wieder haben wir einen Termin markiert, an dem Alice Schwarzer sich nicht wohlfühlt, wo sie nur leise seufzen kann: „Oh weh, das ist heute gar nicht mein Tag“. Mit ihrem Hass liegt sie wieder falsch. Dann steht auch noch das Gemeinsame im Vordergrund, und niemand hält sich an ihre conditio sine qua non – die totale Trennung der Geschlechter. Manche meiden den Karneval in Köln und verreisen solange. Vielleicht taucht sie auch ab – am Frauentag, am Muttertag und am Valentinstag. Alles nichts für sie.
Nicht so schlimm. Es gibt Ersatz. Seit 2008 gibt es einen neuen Gedenktag, ganz nach ihrem Geschmack, da wird noch mal die Formel des totalen Feminismus angewendet, die große Verallgemeinerung – so falsch sie auch ist – lebt wieder auf, und das Ergebnis wird als Vorwurf gegen alle Männer missbraucht: der Equal Pay Day, am 25.3. Auch der kommt aus Amerika; jedenfalls tauchte da die Zahl 77 zum ersten Mal auf, die inzwischen zu einer Art Glückszahl für die neuen Aktivisten geworden ist: „23% Lohndifferenz“, lautet die Parole, die mit „copy and paste“ besinnungslos weiter verbreitet wird.
Vielleicht erinnert sich noch jemand an die „Sternstunde“ des Feminismus: Das ‚stern’-Cover vom Juni 1971, das eine Reihe von Frauen – darunter auch prominente – zeigte mit dem Bekenntnis: „Wir haben abgetrieben“. Entsprechend könnten sich heute die Wiederkäuer der 23%-Parole zum Gruppenbild aufstellen – auch mit Promis – mit der Selbstbezichtigung: „Wir haben abgeschrieben!“ Ohne Ahnung davon, worum es geht.
Die Zahl ist ein Bluff, die Lohndifferenz ein Scheinriese. Eigentlich müsste Alice Schwarzer mit ihrem Gespür für Reinheit stutzig werden, aber vielleicht hatte ich ihr da zuviel zugetraut. Die 23% sind „nicht bereinigt“. Es ist Dreckwäsche. Je mehr das Ergebnis um „objektive Faktoren“ – das heißt um Faktoren, die nichts mit dem Geschlechterunterschied zu tun haben – bereinigt wird, um so weniger bleibt übrig. Wenn man die Gehälter aller Männer mit denen aller Frauen vergleicht, kommt heraus, dass Männer mehr kriegen. Weil sie mehr arbeiten. Zu diesem Ergebnis kommt man auch, wenn man die geleisteten Arbeitsstunden aller Männer mit denen aller Frauen vergleicht. Das passt. Alles andere wäre auch sehr merkwürdig. Solche Zahlen gibt es, seit es das statistische Bundesamt gibt. Wo ist das Problem?
Hier kommt das besondere Kennzeichen des neuen Feminismus ins Spiel: der Männerhass. Er fällt nicht so stark auf, er lauert im Hintergrund; er liegt in der Unterstellung, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht; die Misandrie liegt in dem Vorwurf, dass Männer in dem, was sie tun, Unrecht begehen. Da dachten diese ahnungslosen Männer doch tatsächlich, sie machen alles richtig, zahlen Löhne nach Tarif, halten sich an Vorschriften und Gesetze – und was kommt raus? Sie benachteiligen Frauen. Sie haben wieder alles falsch gemacht und verstehen aber auch gar nichts.
Alle waren es. Der einzelne Mann natürlich nicht. Der Schuft, der einer Frau den gerechten Lohn vorenthält und ihr für dieselbe Arbeit 23% weniger zahlt als einem Mann, wird noch gesucht. Es sind wieder mal keine Täter in Sicht. Es sind alle Männer Schuld an dem, was keiner getan hat. Es liegt an den „Strukturen“, am „Patriarchat“, an der „männlich geprägten“ Arbeitswelt.
Das muss entschädigt werden. Für manche Frauen. Manchmal. Ich muss schon sagen: Alice Schwarzer hat es mit ihrer Geschäftsidee weit gebracht. Bis zum Griechen bei mir um die Ecke. Wenn ich da mit ihr am 25.3. einkehre, kriegt sie einen Rabatt von 23% auf ihr Gyros. Weil sie eine Frau ist. Und weil der Grieche teilnimmt an dem „nationalen Aktionsbündnis“ mit dem Schwerpunktthema „Rollenstereotype – gelebtes Rollenverhalten und Ansatzpunkte dies aufzubrechen“.
Na, dann brecht mal schön. Ich bin froh, dass ich wenigstens ein bisschen mehr von den Frauen verstehe: Heureka!

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