Gendern: Über das Vernutzen der Sprache

Brief an die Sprachideologen
von Alexander Wieczek

Die Gendersprache ist mir zu männlich! Denn was ist das für ein Umgehen mit der Sprache? Wie ein lebloses Material wird sie behandelt, mit dem man machen kann, was man will. Ja, machen, es ist der Geist des Machens, der Geist von Biegen und Brechen, der nicht erst fühlt, der nicht erst wahrnimmt, will sagen empfängt, mit dem die Vorgaben des „Genderismus“ in der Sprache durchgesetzt werden sollen. Das aber geschieht im Gewande des Weiblichen, also von und für Frauen.

Ein männliches Prinzip: die Gendersprache

 Aber die Art und Weise, mit der das erreicht werden soll, ist eine gewaltsame, in den Sprachorganismus künstlich eindringende, fordernde, ist mithin dem männlichen Prinzip zuzuordnen, beziehungsweise dem krankgewordenen Männlichen. Denn das eigentliche Männliche ist das nicht. Man redet in solchen Zusammenhängen ja meist nicht vom männlichen Prinzip, sondern von einer Krankheitsform, einer Vereinseitigungsform, die sich in gewisser Weise am männlichen Prinzip entwickelt hat, der fühllose, interllektualistische Geist des Machens.

Lebloses Material……

Man könnte beinah von einer Vergewaltigung der Sprache reden, die da im Moment passiert. Die Fühllosigkeit gegenüber der Sprache, die mit dem Genderismus und anderen Sprachverrenkungen einhergeht, ist grandios. Und sie ist übergriffig. Man degradiert die Sprache zu einem leblosen Material, das keine Achtung verdient, sondern mit dem man nach Belieben umspringen kann, so wie wir es auch mit der Erde im großen und ganzen tun.

Ausbeutung des Rohmaterials Sprache

Ja! Die Zerstörung und Ausbeutung des Rohmaterials Umwelt und die Zerstörung und Ausbeutung des Rohmaterials Sprache (sowie auch des „Rohmaterials“ Mensch) wachsen auf dem gleichen Boden! Kommen aus dem gleichen Geist! Wer hätte das gedacht – von all den Gutmenschen, denen es doch nun um unser Bestes geht. Man muß heute ziemlich genau hinschauen, um nicht unversehens auf der falschen Seite zu stehen. Und diese Vorgehensweise ist nicht weiblich.

Tod einer Geliebten                                                                                                             

Wo ist die Achtung vor einem hochkomplexen, über lange Zeit gewachsenen und ästhetischen Gebilde, das ich hier als Organismus bezeichne, wie der Sprache. Ich empfinde das so, als würde man mich verletzen, wenn ich die Verschlimmbesserungen sehe, die da heute wie eine Sintflut über die Sprache hereinbrechen, und möchte manchmal den deutschen Sprachraum verlassen – um den Tod meiner Geliebten, der Sprache, nicht mit ansehen zu müssen.

Bilderstürmerei im Namen der Weiblichkeit                                                                                                                                            Bedingt nicht schon allein das Gewordensein über eine lange Zeit eine gewisse Vorsicht, eine gewisse Achtung vor dem, was so gewachsen ist. Was nicht heißen soll, daß man gar nichts ändern darf, aber eben mit einem fühlenden, achtsamen und auch die Schönheit beachtenden Bewußtsein. Wie bei einem alten Menschen, oder einem alten Baum. Ist es nicht eine furchtbar unreife, respektlose Bilderstürmerei, zu der da unter anderem „im Namen der Weiblichkeit“ aufgerufen wird? Unsensibel und fühllos sind diese Maßnahmen, mit denen man die Sprache einer kurzen, ideologisch geprägten Mode unterwerfen will, der die poetische, ästhetische Ebene der Sprache fremd geworden ist. Es ist nicht weiblich, so vorzugehen. Achtlosigkeit ist nicht weiblich. Poesie und Ästhetik wären es! Es ist ein Wolf im Schafspelz, mit dem man es da zu tun hat.

Hinterlassenschaft: ein Stoppelfed                                                                                                                                                                 Man übersieht bei solchem Tun, daß die Sprache mehr ist, als eine Formelsammlung, als eine intellektuelle Matrix, bei der man mal hier und mal da etwas reinstopfen, wegnehmen, zurechtstutzen kann. Was hier am Werk ist, ist der kalte, technische Zeitgeist, der wie ein „Harvester“ durch einen alten und schönen Wald fährt, die Spur der Technik hinterläßt und sich dann noch brüstet, etwas für die Natur getan zu haben (so erlebt im Walde bei Weimar). Ich kann es manchmal kaum glauben, was für hochnotkünstliche Einstellungen da heute für normal gelten. Fühlt ihr denn nicht, was ihr der Sprache da antut? Mir wird angt und bang, wenn ich das sehe. Da gibt es kein Maß mehr, kein Halt. Wie im Namen der „Gerechtigkeit“ („Sprachgerechtigkeit“) der Harvester angespannt wird und die Sprache zum Stoppelfeld macht. Wollt ihr denn alles verdrehen und verrenken, bis niemand mehr weiß, wie er reden soll? Fühlt ihr denn nicht, was ihr der Sprache da antut? Das ist „die Folge des patriarchalen Denkens“, die da von den „Genderexperten“ wohl zuweilen als Argument verwendet wird: die Fühllosigkeit!                                                                                                                                              

Schönheit des Gewachsenseins

Wie kann es sein, daß das Fühlen so aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden ist und nur noch der Intellekt und die ideologische Aufladung zählen? Denken und Fühlen zusammen geben Erkenntnis! Fühlt ihr denn nicht die Schönheit der Sprache und die Schönheit und Würde ihres Gewachsenseins? Egal, wie man einzelne Elemente beurteilt, auch grammatikalische Strukturen, wie den Genus von Worten, dies ist eine Ebene, die für sich steht und für sich Geltung beansprucht und die offenbar nirgends Erwähnung findet.

Autobahnrandbeflanzungen                                                                                                                                      Wollt ihr Autobahnen, oder „Autobahnrandbepflanzungen“ aus der Sprache machen? Ihr seid auf dem besten Weg dazu. Die Flurbereinigung schreitet voran. Dieses Vorgehen, wie gesagt, manifestiert den männlichen, beziehungsweise krankgewordenen männlichen Geist der Neuzeit, den Geist des Vernutzens. Welchen Mantel er sich umgeworfen hat, spielt keine Rolle. Auch wenn man vorgibt, das „maskulinum als eine patriarchale Herrschaftsform“ aus der Sprache verbannen zu wollen, die Art wie man das tut, ist gerade eine Manifestation derselben (in unserem Geist). Der Ton macht die Musik. Das Wie ist es, was ich hier meine. Wenn ihr das weibliche Prinzip in der Welt fördern wollt – da bin ich dabei, da mach ich mit, aber dann macht die Welt schön, und mogelt nicht über „gutgemeinte“ und weiblich genannte Anliegen ein häßliches Gemächte hinein. Laßt die Sprache sich entwickeln. Und macht kein Machwerk aus ihr.

 

 

 

 

 

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