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Zugriff! Oder: Politische Korrektheit untergräbt Redefreiheit

Eckhard Kuhla

Ein Virus breitet sich aus. Die Politische Korrektheit betreibt zusehends Selbstjustiz auf Basis eines gruppenorientiertem Rechtsempfindens. Unser allgemein gültiges Rechtsbewusstsein bleibt dabei auf der Strecke.

Demokraten kennen das: Andersdenkende sind das Salz in der Suppe, sie sind ein willkommener Anlass für einen spannenden Gedankenaustausch. Der Andersdenkende beflügelt die eigene Denke und bei Meinungsverschiedenheiten bleibt man sich trotzdem gewogen und freut sich auf das nächste Gespräch.

Das war gestern.

Freies Sprechen ade
Unsere ehemalige Konsensrepublik verwandelt sich allmählich in eine Spielwiese für eine „achtsame“ Minderheiten-Lobby. Mit der Folge, dass das Selbstverständliche der freien Rede im öffentlichen, wie auch im privaten in Zweifel gezogen wird. Unterschiedliche politische Positionen können heutzutage alte Freundschaften , in gute Menschen und Andersdenkende. In einer Demokratie spalten, ein seltsames Phänomen.

Da sitzt eine gemütliche Gesprächsrunde am Kamin  und verwandelt sich – ohne Vorwarnung – zu einem VHS- Gesprächskreis  „Politisch korrekt Sprechen“. Unversehens steht ein Wort oder eine Aussage im Raum, ein Naserümpfen oder ein erhobener Zeigefinger sind  zu spüren, gefolgt von einem abschätzigen Unterbrechen des Gesprächs und einem anonymen „Das sagt man nicht!“, beispielsweise bezogen auf das Wort „Neger“, oder auf das Äußern einer politisch unkorrekten Meinung. Auf diese Weise gebrandmarkt,  hält man inne und  stutzt. Es folgen Belehrungen zum achtsamen Umgang mit Minderheiten. Peinlichkeit breitet sich aus. Von nun an nimmt das Gespräch einen angespannten Verlauf und irgendwann fällt das Wort „Rechtspopulismus“ Grund genug zu schauen, wann die nächste S – Bahn fährt.

Gruppenmoral spaltet
In privaten Gesprächsrunden kann unkorrektes Reden im Ernstfall einen Gruppen-Ausschluss bedeuten. Im öffentlichen Raum arbeitet die politische Korrektheit allerdings mit Machtmitteln der besonderen Art. Abweichende Meinungen werden nicht mehr diskutiert, sondern schlicht moralisch verurteilt. Mit ihrer ideologisch geprägten Sprachkosmetik versuchen die politisch Korrekten, das Denken ihrer Gegner zu beeinflussen, konkreter: zu formen. Nichtsahnende Normalbürger sehen sich auf diese Weise plötzlich einer unsichtbaren „Sprachpolizei“ konfrontiert. Deren Vertreter betrachten sich als Interessenvertreter des politischen Mainstreams, den sie selber natürlich für „progressiv“ halten. Sie ersetzen kurzerhand unseren gelebten Wertekontext und den gesunden Menschenverstand durch irgendein Gruppen-orientiertes und Moralin-gesäuertes  Aburteilen. Besonders kämpferisch gebärden sich dabei die unzähligen Gleichstellungsbeauftragtinnen mit der Durchsetzung ihrer „geschlechtergerechten“  Sprache.

Bei Nicht-Beachtung des politisch korrekten Sprechens erfolgt in solchen Gruppen Diskriminierung – bis hin zur Ächtung und schließlich Ausschluss aus der Gruppe, Verein, oder Firma.

Observierung, Täterprofil, Zugriff
Politisch Korrekte arbeiten häufig – wie Ideologen – mit Feindbildern. Ein „falsches“  Wort kann dem Sprecher zum Verhängnis werden, es verhilft dem politisch Korrekten  zu einer Personifizierung seines Feindbildes. Dies setzt dann im öffentlichen Bereich häufig einen Prozess in Gang: es  folgen  Aktionen, die einem polizeilichen Ermittlungsverfahren sehr ähneln, im Folgenden skizziert an einem Vorgehen in einem Verein:

Die verdächtige Person wird zunächst observiert, eine mögliche Zugehörigkeit zu politisch unkorrekten Gruppen geprüft, Beweismaterial  für das Täterprofil über das Internet ermittelt und schließlich eine Art Drehbuch für die Gruppe geschrieben: wer diffamiert den Täter, mit welchem belastenden Material, an welchem Ort? Letzterer muss für die Diskriminierung eine breite Öffentlichkeit sicherstellen, wie beispielsweise Vereinsversammlungen.

Dann erfolgt der „ZUGRIFF“.

„Recht sprechen“ in einem rechtsfreien Raum
Der normale polizeiliche Zugriff“ besteht im Überleiten einer bisher verdeckten Aktion in eine Festnahme. Im Rahmen der Politischen Korrektheit hat der Zugriff mehr Ähnlichkeit mit einem Zugriff aus Stasi-Zeiten: Diskriminierung des Täters als rassistisch,  nationalistisch, oder populistisch, und das vor aller Öffentlichkeit und ohne vorherige Anhörung.

Das Fallbeil ist gefallen.
Die verurteilte Person ist zum Schweigen verurteilt, Gegenargumente verhallen. Die Person gilt von Stund‘ an als  „verbrannt“ –  oder wie im Mittelalter – als „vogelfrei“.  Ein vogelfreier Mensch im Mittelalter konnte sogar von jedem Bürger getötet werden – ebenso  ohne vorhergehende Anhörung. Das  „politisch korrekte“  Verurteilen, treffender: „Entsorgen“,  eines  Menschen  geschieht in einem rechtsfreien Raum, und das Alles nach einer, nicht nachvollziehbaren, subjektiven (Gruppen-) „Empfindung“.

Nebenbei bemerkt: Ähnliche Phänomene sind auch in der medialen Aburteilung von Menschen in der #metoo- Kampagne zu finden, oder auf dem US oder britischen Campus. Dort genügt der versehentliche Gebrauch eines Tabu-Wortes, genannt „Microagression“, und es folgen negative Konsequenzen für akademische Karrieren. Auch in Deutschland sind solche Fälle in der Szene bereits bekannt.

Man stelle sich vor: selbsternannte „Richter“ können existenzbedrohend handeln – ohne dass sie selber die Folgen ihres Tuns verantworten müssen. So kann beispielsweise eine Parteimitgliedschaft heutzutage in Institutionen zum Mobbing oder Abmahnungen führen. Solche Inszenierungen politischer Korrektheit sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt und werden den Medien sorgfältig beschwiegen. Man kennt diese Geschehnisse nur vom Hörensagen.

Und der Rest ist Schweigen

Ein so gearteter rechtsfreier Raum fördert die Einschränkung der Redefreiheit durch die zahlreichen Möchtegern-Richter – nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch Gruppen, wie Vereinen, usw. Cui bono? Nicht zum Nutzen der vermeintlichen Betroffenen, sondern nur des eigenen Wohl- und Wertgefühls. Das Ergebnis ist Willkür a la carte. Welch‘ menschenverachtende  Arroganz.

Wo bleibt eigentlich unsere Elite? Wo der „freie“ Bürger ? Vertreten sie alle dieses fatale Spiel einer politischen Korrektheit, ohne Rücksicht auf die Folgen? Norbert Bolz:  „Die größte Gefahr für die Demokratie ist das Schweigen der Vielen , die sich vom Paternalismus der Medienelite bevormundet fühlen.“/1/. Ihr Schweigen legt sich wie Mehltau über die Republik.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“
Dieses Zitat von Hölderlin gibt Hoffnung für eine Gegenbewegung, beispielsweise das  „Poetry Slam“. Ein Poetry-Slam ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene, häufig humorvolle Texte vor einem überwiegend jugendlichen Publikum von zunächst namenlosen Autoren vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger. Da ist sie: die Lust, die Freude auf Sprache, auf das Fabulieren, hier noch in Form einer Subkultur.

Es gibt inzwischen rund 100 jährliche Veranstaltungen zum Poetry Slam in Deutschland: Sprache wird gelebt als ein Phänomen des gemeinsamen, kreativen und freudvollem  Tuns mit Elementen aus dem Multi Media – Bereich, individueller Performance und Improvisationstheater. Diese Subkultur birgt unermessliche Potentiale der Freude, kann Freudefunken für ein gemeinschaftlichen Erleben und Erzählen zünden. Das ist gelebte Sprechkultur, etwa als Pendant zum Bekämpfen einer Kunstsprache. Mit Lachsalven über das Gender GaGa /2/ könnte die ach so korrekte Sprache ins wohl verdiente Nirwana des Lächerlichen befördert werden.

Links:
/1/ http://folio.nzz.ch/2018/juni/die-gedanken-sind-nicht-frei 

/2/ http://www.gendergaga.de/

 

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